Medien : Deutschlands fünfziger Jahre als Wundertüte

-

Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten. Diese ewige Weisheit inspirierte Sportreporter Waldemar Hartmann und seinen Autorenkollegen Markus Brauckmann zu einer 90minütigen Bilderreise durch die fünfziger Jahre. Als Klammer dienen die fünf Tore beim WM-Finale 1954; als Moderator für den Film „Die Wunderrepublik“ wurde Hartmann aufgestellt.

„Waldi“ also schlendert an einem Trümmerhaufen irgendwo im Ruhrgebiet vorbei und plaudert so vor sich hin. Das Selbstbewusstsein der Deutschen liege vielfach in Trümmern, sagt er mit ernster Miene. „Schließlich ist es erst neun Jahre her, dass Hitlers Reich zusammengebrochen ist und mit ihm der Glauben an ein großes, mächtiges Deutschland.“ Schon damals, und sogar noch früher, soll es ja Leute gegeben haben, die sich die Begriffe „Hitler-Reich“ und „ein großes, mächtiges Deutschland“ lieber nicht als Einheit vorstellen mochten. Womöglich hat Hartmann nur den Zeitgeist der 50er Jahre referiert – wie überhaupt die Zeit stehen geblieben zu sein scheint in diesem Werbefilm für die Ära Adenauer (Hartmann: „Er hatte das politische Spiel im Griff“).

Lichtblicke sind amüsante Archivschnipsel: Wie „HörZu“-Igel Mecki mit Hitlerbärtchen zur Teilnahme an der Bundestagswahl mahnte, wie bei Robert Lembke der Beruf „Hausfrau“ erraten werden musste. Doch Wirtschafts- und Frolleinwunder, Autoboom und Urlaubslust, Rock’n’Roll und Kinoleidenschaft ziehen nur als Bilderreigen vorbei. Alles wird illustriert, hinter den Bildern nichts entdeckt. Fast konsequent, dass in Hartmanns heiler Welt der Streit um die Wiederbewaffnung oder das Karriereglück von Alt-Nazis keinen Platz finden. tgr

„Die Wunderrepublik“: 22 Uhr 17, ARD

0 Kommentare

Neuester Kommentar