Deutschlands Künstler : Ikone im Keller

Ein ARD-Porträt zeigt, wie unnahbar Günter Grass selbst aus der Nähe ist. Dabei gewährt der Autor durchaus Einblicke in seinen Arbeitsalltag.

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Werkstattbesuch. Schriftsteller Günter Grass gibt in dem Film Einblicke in seinen Arbeitsalltag und reist an wichtige Orte seines Lebens wie Danzig und Paris. Foto: NDR
Werkstattbesuch. Schriftsteller Günter Grass gibt in dem Film Einblicke in seinen Arbeitsalltag und reist an wichtige Orte seines...Foto: NDR

Sie hat es wohl geahnt. „Der öffentliche Grass: selbst aus der Nähe unnahbar“, lässt Autorin Dagmar Wittmers den Sprecher gleich zu Beginn ihres Films sagen. Die Bemerkung soll natürlich Spannung und Neugier aufbauen, gibt aber auch unfreiwilliges Zeugnis darüber, was man von diesem Porträt des international berühmtesten lebenden deutschen Schriftstellers im Rahmen der ARD-Reihe „Deutschland, deine Künstler“ erwarten darf – und was nicht. Denn selbst wenn Günter Grass Einblicke in seine Werkstatt gibt oder gemeinsam mit Wittmers nach Danzig oder Paris reist, um frühere Lebensmittelpunkte aufzusuchen: Richtig nahe kommt ihm der Film nicht. Insofern bleibt die ohnehin rhetorische Eingangsbehauptung, es gebe auch „einen Grass jenseits des Starrummels“, ein leeres Versprechen.

Trotzdem erfährt man natürlich eine Menge über den Autor. Aber Wittmers, die schon eine Vielzahl von Porträts dieser Art gedreht hat (unter anderem Filme über Dieter Hildebrandt, Reinhard Mey, Rainer Werner Fassbinder), begnügt sich mit Daten, wie man sie in jedem Lexikon nachlesen kann. Die verschiedenen biografischen Fundstücke haben eher verblüffenden als erhellenden Effekt. Dass Grass zum Beispiel fünfzig Jahre nach dem Auszug im mittlerweile ausgebauten Pariser Heizungskeller, wo er einst zu schreiben pflegte, sein damaliges Stehpult entdeckt, ist zwar ein hübscher Moment, der Wahrheitsfindung aber nicht weiter dienlich.

Trotzdem hat sich Dagmar Wittmers über dieses Fundstück sicher gefreut, denn anscheinend hatte sie eine ganz andere Form der Wahrheit im Sinn. Sie versucht, der von Grass aufgebauten Distanz zum Trotz den Menschen hinter der literarischen Ikone zu zeigen. Deshalb erfährt man einiges über seine Kinderschar und seine beiden Frauen; und dass er es zumindest während der ersten Ehe mit der Treue wohl nicht so genau nahm. „Vor der Pille war Liebe noch ein Abenteuer“, sagt er einmal; es ist einer der wenigen Momente, in denen man ganz kurz vermeint, tatsächlich einen Blick auf seine Persönlichkeit zu erhaschen. Was die Einzigartigkeit seines Schaffens ausmacht, worin jenseits der vielfachen künstlerischen Talentiertheit seine Genialität besteht, bleibt hingegen offen.

Dabei soll genau dies das Markenzeichen der Reihe „Deutschland, deine Künstler“ sein: Sie stellt Menschen vor, „die in ihrer Kunstsparte außerordentliche Leistungen vollbringen“. Der vergleichsweise späte Sendetermin am Dienstagabend würde eine gewisse Werkanalyse durchaus zulassen, denn für fröhlich vordergründige Filme gibt es ja die wesentlich früher am Abend ausgestrahlten „Legenden“. Nun würde Wittmers vielleicht bemerken, sie sei keine Literaturkritikerin und eine Auseinandersetzung mit Grass’ literarischem Schaffen nicht ihre vordergründige Aufgabe. Trotzdem verwundert es, dass man über die Bücher nicht mehr erfährt, als jeder halbwegs gebildete Mensch ohnehin schon weiß.

Akzeptiert man diese Prämisse, entwickelt der Film durchaus den typischen Reiz des Werkstattbesuchs, schließlich ist es immer spannend, Künstlern bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Außerdem ist ein öffentlicher Autor wie Grass, der sich zeitlebens eingemischt hat, ja auch eine schillernde Figur, zumal er gerade wegen seiner frühen Bücher von links wie rechts angefeindet worden ist. „Geachtet als unbequemer Mahner, verschrieen als mimosenhafter Egomane“, wird er eingangs charakterisiert. Zwischen diesen Extremen changiert der Film, wobei der Respekt vor dem Künstler naturgemäß obsiegt. Von Zuneigung geprägt und daher im Grunde nicht weiter erhellend sind auch die Aussagen von Weggefährten und Freunden wie Anna Thalbach, Amos Oz oder Klaus Wagenbach; sie haben allenfalls anekdotenhaften Charakter. Ein durchaus facettenreiches Porträt, das zum Lesen eines Grass-Romans nur jene verführen wird, die seine Bücher bereits kennen.

„Deutschland, deine Künstler: Günter Grass“, 22 Uhr 45, ARD

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