Medien : Deutschlands Sendeplatz an der Sonne

Warum ARD und ZDF einen Afrika-Film nach dem anderen senden – und warum so viele das gucken

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Eigentlich hätten die Rinder auf einer sonnenverbrannten Ebene stehen sollen, schmunzelt Produktionsleiterin Martina Vetter. Ausgemergelt und vom Hunger gezeichnet. Stattdessen schweift der Blick von der Veranda des alten Herrenhauses auf der Farm Voigtskirch bei Windhuk über ein üppig grünes Tal. Das trockene Flussbett in der Ferne wird von sattem Grün gesäumt, in den Bäumen zwitschern Vögel.

Weniger erfreut über die ungewohnten Grüntöne in der namibischen Steppenlandschaft zeigte sich das Produktionsteam des Films von „Afrika, wohin mein Herz trägt“, einem vor sechs Wochen im ZDF ausgestrahlten Zweiteiler. Letztes Jahr regnete es in der früheren deutschen Kolonie Namibia so stark wie schon seit langem nicht mehr – und mit dem Regen wären die Drehpläne um ein Haar buchstäblich ins Wasser gefallen. Kurzfristig umzudisponieren, war aus Zeit- und Kostengründen unmöglich. Stattdessen wurde das Skript geändert.

„Afrika, wohin mein Herz trägt“ ist nur einer aus einer langen Reihe von Fernsehfilmen, die in Afrika spielen und derzeit fast im Wochentakt über deutsche Mattscheiben flimmern. Den Auftakt machte Anfang Januar „Mein Traum von Afrika“ mit Jutta Speidel in der ARD. Ihm folgte wenige Tage später der Dreiteiler „Afrika, mon amour“, ein in Kenia gedrehtes ZDF-Drama mit Iris Berben, das dem Sender von Folge zu Folge traumhaftere Quoten bescherte. Den dritten Teil verfolgten über neun Millionen Zuschauer. Kein Wunder also, dass das ZDF heute Abend mit der ersten Folge des zweiteiligen Doku-Dramas „Momella – Eine Farm in Afrika“ bereits das nächste Afrika-Spektakel veranstaltet. Auch hier ringt – mit Christine Neubauer als Schlesierin Margarete Trappe (1884 bis 1957) – wieder eine couragierte Frau um ihren Lebenstraum in der Ferne.

Die Gründe für die Renaissance des Kontinents im deutschen Film sind vielschichtig. „Afrika, wohin mein Herz trägt“ bot nach Aussagen des Produktionsteams eine hervorragende Gelegenheit, die einstige deutsche Kolonie auch filmisch intensiver zu bereisen. Es gehe auch immer ein wenig darum, ferne Reiseländer vorzustellen, heißt es. Das war bereits das Markenzeichen von „Traumschiff“-Produzent Wolfgang Rademann, der das Konzept des „Travel-Feature- Films“ quasi erfunden hat.

Namibia partizipiert besonders stark am Boom. „Das Land ist genau so wie sich die Deutschen Afrika vorstellen“ schwärmt Regina Ziegler von der Berliner Firma Ziegler-Film, die dort „ Folge deinem Herzen“ drehte. Deshalb sei der Film auch in Namibia produziert worden. Planung und Durchführung der Dreharbeiten waren indes nicht immer leicht. „In Namibia läuft alles etwas langsamer“, meint Filmarchitekt Albert Jupe, der ein ganzes Ovambo-Dorf als Kulisse aufbauen ließ. Für das Buschkrankenhaus musste das Team auf dem Schrottplatz alte Bettgestelle sammeln.

Dass ein Film wie „Afrika, wohin mein Herz trägt“ erst ein Dreivierteljahr nach der Fertigstellung im ZDF ausgestrahlt wurde, hat seinen Grund: „Wenn es in Deutschland so richtig eklig kalt und dunkel wird“, sagt Martina Vetter, „dann macht solch ein Film Lust aufs Reisen.“

Auch Giselher Venzke hält die Konzentration der vielen deutschen Spielfilme im afrikanischem Milieu für eher zufällig. Man dürfe auch nicht vergessen, dass viele in den vergangenen 18 Monaten produziert worden seien – und nun geballt gesendet würden. Allerdings habe das Thema „Afrika“ einen anhaltend hohen Unterhaltungswert, der nicht erlösche, auch wenn Südafrika bereits mehrfach als Drehort totgesagt worden sei.

Venzke gilt als Pionier des deutschen Films in Afrika. 48 Produktionen hat er in seinen nunmehr zehn Jahren am Kap der guten Fernsehhoffnung betreut. In Kapstadt werden heute mehr deutsche Filme produziert als irgendwo sonst außerhalb Deutschlands. Der Name seiner Firma Two Oceans verweist bereits auf den landschaftlichen Vorzug von Kapstadt, das nahe der Schnittstelle von Indischem und Atlantischem Ozean liegt. 1997 verkaufte Venzke sein Haus in Hamburg, gründete am Kap eine eigene Firma und drehte mit Christian Wolff in der Hauptrolle „Kap der guten Hoffnung“ Teil eins, zwei und drei, ehe er sich vor sieben Jahren selbstständig machte. Von da an machte Venzke Produktionen quasi im Akkord. Als unschätzbarer Vorteil erwies sich dabei, dass Südafrika von sich behaupten kann, die Welt in einem Land zu sein. Es verfügt über Sand- und Felsenstrände, Berge, eine Halbwüste, Steppen und Regenwälder

Dagegen ist Sonnenschein quasi garantiert. Was wichtig ist, weil Regen auch finanziell negativ zu Buche schlägt. Ein ausgefallener Produktionstag kostet schnell 60 000 Euro. Da lohnen sich die Extra-Euros für Flugtickets oder die Miete einer Schneekanone. Am Kap gibt es alles, was es in Miami oder Los Angeles auch gibt: Kameramänner können ebenso angeheuert werden wie Kabelträger, Windmacher und Lichtgeber.

Venzke ist gegenwärtig mit vier Produktionen beschäftigt, darunter einem Film mit Christian Wolff sowie einem Zweiteiler mit Heiner Lauterbach. Nach 18 Jahren „Forsthaus Falkenau“ hat sich Wolff Ende Dezember als Förster verabschiedet – und zwar am Kap: „Ich wollte ein außergewöhnliches Ende und wegen meiner Liebe zu Südafrika habe ich mich dafür eingesetzt, dass die letzte Folge dort spielt.“ Für Venzke liegen die Gründe für die anhaltende Popularität der Kaprepublik vor allem in den guten Erfahrungen, die seine Partner hier gemacht haben. „Die meisten sind Wiederholungstäter“, meint er. Mit Teamworx, das inzwischen ganz dem Produktionsriesen Ufa gehört, hat er schon zehn Filme gedreht, darunter den populären Streifen „Kein Himmel über Afrika“, den neun Millionen Zuschauer sahen. Ebenso häufig hat er mit Christian Wolff kooperiert.

Das Interesse deutscher Produzenten steht dabei in krassem Gegensatz zum Werdegang der südafrikanischen Filmbranche. Der Oscar-Erfolg von „Tsotsi“ hat nicht den erhofften Geldsegen beschert. Im Gegenteil: Die Zahl südafrikanischer Featurefilme beim Kapstädter Filmfestival Sithenge im letzten Monat war rückläufig, weil das Kunst- und Kulturministerium seinen Kinofonds in Höhe von 35 Millionen Rand nicht erneuert hat. Gedreht werden heute am Kap zurzeit fast nur internationale Produktionen, allen voran aus Deutschland.

„Momella – Eine Farm in Afrika“, Teil eins des zweiteiligen Doku-Dramas. ZDF, 20 Uhr 15

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