Medien : Dichter dran

40 Jahre deutsch-israelische Beziehungen: Eine zehnteilige Reihe auf 3sat zeigt „Neue Filme aus Israel“

Thilo Wydra

Kaum sind die Feiern zum 8. Mai und zum 60. Jahrestag des Kriegsendes beendet, steht das nächste Jubiläum vor der Tür: Am 12. Mai 1965 nahmen Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen miteinander auf – das ist genau 40 Jahre her. Wie nun geht das deutsche Fernsehen damit um? Das ZDF sendet bereits heute die Dokumentation „Davon konnten sie nur träumen“, gedreht von Dietmar Schulz, dem langjährigen ZDF-Korrespondenten in Israel. Die Doku soll Bilanz und Ausblick gleichermaßen sein. So befragt Schulz denn auch Politiker wie Schimon Peres oder Jitzchak Navon (israelischer Staatspräsident von 1978 bis 1983), um der Frage nachzugehen, wo die seinerzeit von Konrad Adenauer und Ben Gurion initiierten Beziehungen heute stehen. Dem schließt sich eine „Lange Nacht der deutsch-israelischen Beziehungen“ an – bis 3 Uhr morgens. Wer mag da noch auf sein und mit wachem Geist anspruchsvoll Historisches aufnehmen können?

3sat bietet da ab Donnerstag ungleich mehr, und das auch zu früheren Zeiten: Zunächst um 20 Uhr 15 mit einer weiteren Doku von Dietmar Schulz, „Die Brückenbauer“, sowie mit einer neuen Ausgabe von „delta“, dem von Gert Scobel moderierten „Denkmagazin“, wo unter anderem Altbundespräsident Richard von Weizsäcker zu Gast ist. Kern der 3sat-Beschäftigung mit dem Thema ist eine zehnteilige Reihe mit Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen, schlicht betitelt mit „Neue Filme aus Israel“, die bis zum 31. Mai läuft.

Im Fokus also steht das kreative, das filmische Schaffen in jenem Land, dem Deutschland auf so intensive, ambivalente Art und Weise verbunden ist. Filme reflektieren das Leben. Filme stellen Fragen, an das Leben, an den Zuschauer auch: Wie funktioniert das Leben heute, im modernen Israel, in Tel Aviv oder Jerusalem? Wie leben die Menschen, wie frei oder unfrei sind sie im Umgang mit den Palästinensern? Es ist dieses ganz Reale, ganz Praktische, dieses Dicht-dran-Sein am Leben dort, was viele der Beiträge ausmacht. Schaut man sich mehrere Filme dieser Reihe an, so ist es, als tauche man ein in diese Kultur, als begreife man ein Stück mehr, was es heißt, in Israel zu leben, zu lieben, zu hassen, zu lachen, zu weinen. Und, wie sehr hier das individuell Private vom übergeordnet Politischen beeinflusst wird.

Selbst in Kurzfilmen wie dem 2004 von Dakin Rosenberg inszenierten „Das rote Spielzeug“ (läuft am 31. Mai auf 3sat) wird dies eindringlich und sehr anschaulich visualisiert: Mohammad, ein Junge aus Jerusalem, findet auf einer Müllhalde ein leuchtend rotes Spielzeugradio, das komische Knackgeräusche von sich gibt. Es klingt nach Schüssen. Das Radio wird ihm abgenommen, wird rasch viele Besitzer haben, bis es Mohammad am Ende zufällig wieder hat. Die Odyssee dieses ominösen Gegenstandes durch die Stadt wird von Überwachungskameras verfolgt. Es ist der israelische Sicherheitsdienst. Das erinnert ein wenig an George Orwells „1984“.

Eine andere kleine Arbeit, „Detail“ (17. Mai) von Avi Moabit, ebenfalls aus dem Jahr 2004, zeigt, wie eine palästinensische Familie aus einem palästinensischen Ort von israelischen Militärfahrzeugen an der Weiterfahrt mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gehindert wird. Die Israelis kommunizieren aus den Armeefahrzeugen per Mikrofon mit der Familie, während diese verlassen auf der Straße steht, die Frau hat Schmerzen. Das Schlimme daran: Es ist ein Dokumentarspielfilm, kein Spielfilm. Realität.

Realität, wenngleich eben eine inszenierte, überhöhte, spiegeln auch die Spielfilme wieder: Den Auftakt der Reihe am 12. Mai macht „Das Lied der Sirene“ vom 41-jährigen Regisseur Extra Fox, dessen jüngster Film „Walk on Water“ am 12. Mai in die deutschen Kinos kommt, ein Drama über die Suche des israelischen Geheimdienstes nach einem Altnazi, vor dem Hintergrund jüngerer israelisch-deutscher Verbindungen. Wieder ist es das Private und das Politische, das einander bedingt. Es hat den Anschein, in Israel geht es nicht anders.

„Das Lied der Sirene“ hingegen ist schon aus dem Jahr 1994, ein eher leichter, nahezu komödiantischer Film über die Liebesirrungen und -wirrungen einer jungen Frau vor dem Hintergrund des Scud-Raketen-Beschusses Israels durch Saddam Hussein. Neben den Filmen „Der werfe den ersten Stein“ (läuft am 17. Mai) und „Jaffa Freunde“ (24. Mai) ist es schließlich das Spielfilmdebüt der 32-jährigen Regisseurin Keren Jedaya, „Eine Tochter“ (31. Mai), welches aus dieser Reihe auf 3sat besonders sehenswert ist.

Die 17-jährige Or lebt mit ihrer Mutter Ruiter in einer heruntergekommenen Wohnung in Tel Aviv. Es ist Ors größte Sorge, die Mutter endlich von der Prostitution wegzubekommen. Doch nach kleinen Erfolgen wird diese immer wieder aufs Neue rückfällig und zieht die Tochter mit nach unten in der Abwärtsspirale. Ein ständiges Auf und Ab in einem manchmal erbitterten Kampf, ein Kammerspiel zwischen zwei Frauen. Das ist krude, hart, streng, brutal und kalt, und eben doch voller Emotion. Angesiedelt in den Straßen Tel Avivs. Dafür gab es 2004 die Camera d’or auf den Filmfestspielen von Cannes. Verdientermaßen.

„Davon konnten sie nur träumen", Mittwoch, ZDF, 23 Uhr 45; „Das Lied der Sirene“, Donnerstag, 3sat, 22 Uhr 25

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