Medien : Dicke Bücher bohren

Tom Peuckert

Als Kabarettist gehört Frank Lüdecke zur Fraktion der philosophischen Skeptiker. Der Mann besitzt scharfes Gespür für die Paradoxien einer westlich-zeitgemäßen Existenz. Schon früh entdeckte Lüdecke sein Talent als Bühnenkomiker, schloss aber trotzdem das Germanistikstudium ordentlich ab. Heute ist er Chef des Berliner Kabaretts „Die Distel“ und tingelt mit eigenen Programmen durchs Land. „Kirche, Kant und Kalauer“ heißt ein Porträt von Regina Kusch und Andreas Beckmann. Lüdecke als Spezialist für geistige Irritationen und Experte fürs Tragikomische (Deutschlandfunk, 25. April, 21 Uhr 03, UKW 97,7 MHz).

Erinnern und Vergessen sind Fundamentalereignisse unseres geistigen Lebens. Ohne Erinnerung gibt es keine Identität, aber auch das gesunde Vergessenkönnen ist lebensnotwendig. Die Wissenschaft sucht nach den neurophysiologischen Wurzeln des Gedächtnisses und hat entdeckt, dass Erinnern ein hochselektiver Vorgang ist. Unser Gedächtnis sorgt sich weniger um die exakte Reproduktion des Vergangenen als um dessen Nützlichkeit für die Gegenwart. In ihrer langen Radionacht „Wie wir uns erfinden“ sprechen Almuth Schnerring und Sascha Verlan mit Gedächtnisexperten aller Art (Deutschlandradio Kultur, 28. April, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Es gibt deutsche Schriftsteller, deren Thema das Alltägliche, Normale, Mittelmäßige ist. In Andreas Eschbachs Romanen wird man dergleichen nicht finden. Ein Mann erbt eine Billion Dollar, Aliens landen auf der schwäbischen Alb, die Jesus-Geschichte wird grundsätzlich neu erzählt. Eschbach bietet seinen Lesern atemberaubende Action-Szenarios. Das verkauft sich glänzend, auch wenn der Autor für einen der großen, seriösen Literaturpreise derzeit wohl kaum infrage kommt. In der Sendereihe „Studio LCB“ liest Andreas Eschbach aus seinem Werk und diskutiert mit Kritikern über Rolle und Stellenwert von Thriller und Sciencefiction in der zeitgenössischen Literatur (Deutschlandfunk, 28. April, 20 Uhr 05).

Viele große Maler haben auch faszinierende Texte geschrieben. Tagebücher, Briefe, Reflexionen, in denen die bildnerische Genialität ihre verbalen Spuren hinterließ. Bei Max Beckmann ist das nicht anders gewesen. Autor Michael Farin hat aus Beckmanns hinterlassenen Schriften ein Hörspiel collagiert. „Max Beckmann: Hartschädel – Botschaften vom König des Lebens“ präsentiert einen Mann von radikalstem Lebensernst. Einen Grübler und Sucher, der sich in den Abgründen des Alltags ebenso gut auskannte wie auf den Höhen der mythischen Überlieferung (Deutschlandradio Kultur, 29. April, 18 Uhr 30).

Karl Marx’ Schrift „Das Kapital“ gehört zu jenen dicken, schweren Büchern, die man gern gelesen und noch lieber verstanden haben möchte. Meist fehlen dann doch Zeit, Energie und guter Wille. Die Künstlergruppe „Rimini Protokoll“ bietet einen schönen Ausweg aus der Misere. Für das Doku-Hörspiel „Karl Marx: Das Kapital, Band 1“ hat man in halb Europa interessante Zeitgenossen gefunden, deren Leben als aktueller Kommentar zur Marx’schen Kapitalismusanalyse verstanden werden kann. Aus vielen biografischen Erinnerungen entsteht ein charmantes Puzzle, das die dunkle Sprache der Philosophie in leichtfüßige Anekdoten übersetzt. Wir hören einen ergrauten Marx-Forscher, einen renommierten Anlagebetrüger, einen deutschen Maoisten, der in China zu Geld kam, und andere Spezialisten des kapitalistischen Alltags (Deutschlandfunk, 1. Mai, 20 Uhr 10).

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