Medien : „Dicke können auch Fußball spielen“

RTL-Kommentator Pierre Littbarski über Ronaldo, die eigene Leistung und das Duzen mit Beckenbauer

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Herr Littbarski, haben die Japaner heute eine Chance gegen die Kroaten?

Wenn sie ihre Nervosität ablegen können, dann ja. Sie müssen versuchen, einfach nur Fußball zu spielen. Aber das ist nicht leicht für die Japaner.

Sie werden natürlich zu ihnen halten.

Aber sicher. Und wenn es nur aus alter Verbundenheit ist. Es sind ja immer noch Spieler dabei, gegen die ich noch gespielt habe, Nakata zum Beispiel.

Werden Sie trotzdem unverblümt Ihre Meinung sagen?

Das ist doch das Recht und die Pflicht von Gastkommentatoren, wie ich einer bin. Ich muss ja nicht unbedingt objektiv sein. Das kann keiner von mir verlangen, und das hat auch keiner verlangt.

Sie kennen auch den australischen Fußball sehr gut. Sind die Australier fähig, den Brasilianern heute ein Bein zu stellen?

Was sie in ihrem ersten Spiel gezeigt haben, fand ich schon ziemlich gut. Vielleicht schaffen sie die Sensation.

Die Brasilianer haben einige Problemchen. Was ist zum Beispiel mit Ronaldo los?

Ronaldo ist noch nicht fit. Aber er ist und bleibt ein genialer Spieler. Der Trainer wird ihn auch gegen die Australier auflaufen lassen – und wenn es nur dazu dient, ihn dann nicht mehr bringen zu müssen.

Ist er nun zu dick oder nicht?

Natürlich ist er zu dick. Aber er hat ja auch als dicker Spieler Tore gemacht. Ronaldo ist immer für ein Tor gut, selbst wenn er nur im Strafraum herumsteht. Dicke können auch Fußball spielen. Aber eben nicht auf höchstem Niveau.

Sind Sie als Co-Kommentator bei RTL eher Experte oder eher Fan?

Ich war als Spieler auch immer gleichzeitig Fan. Und das ist jetzt als Trainer nicht anders. Ich kenne inzwischen auch ein paar Kniffe, die ich als Spieler nicht kannte. Das hilft schon sehr.

Wie sind Sie eigentlich zu RTL gekommen?

Ganz einfach: Da ruft jemand meinen Freund Thomas Kroth an, der vermittelt das zu mir. Die Leute wollen auch mal jemand Neues hören, eine neue Stimme.

Hätten Sie nicht Lust, alleine zu kommentieren? Dann könnte Ihnen Felix Görner nicht mehr reinreden.

Das wäre wirklich zu viel des Guten. Ich bin ja noch Anfänger und kein Günter Netzer. Ich weiß auch, dass nicht alles optimal ist, was wir machen. Aber wir bemühen uns, besser zu werden. Wenn wir aber nicht so unterschiedlich wären, hätten wir so eine tote Position, in der jeder nur darauf bedacht ist, Balance zu halten. Das ist nicht mein Ding.

Sie haben in Japan und in Australien gearbeitet. Jetzt sind Sie auf Besuch in Deutschland. Wie finden Sie die Stimmung?

Ich wusste ja, dass die Deutschen fußballverrückt sind. Aber dass hier dermaßen gefeiert wird, das hätte ich nicht gedacht. Das ist das Maximum dessen, was man an Freude zeigen kann. Ich finde das irre.

Gibt es keine Grenzen?

Die Fifa sollte vielleicht mal über dies oder das nachdenken. Ich fand es schon einigermaßen merkwürdig, dass wir Deutschen bei der WM ausschließlich amerikanisches Bier trinken sollten. Da kann doch irgendetwas nicht stimmen. Und wenn die Tickets bei den Sponsoren hängen bleiben und die Fans außen vor sind, dann darf das natürlich auch nicht wahr sein. Wir haben eine Grenze erreicht, und wir müssen jetzt nach neuen Lösungen suchen. Wir müssen Geld verdienen, klar. Aber Fußball muss das Spiel „Elf gegen Elf“ bleiben. Und wenn die Fifa viel Geld verdient, dann muss sie auch Geld weitergeben. Zum Beispiel nach Afrika.

Die deutsche Mannschaft steht im Achtelfinale. Die Endstation?

Jetzt kommen erst einmal England oder Schweden. Aber dann geht’s gegen Argentinien, meinen absoluten Favoriten. Die haben ein paar absolute Superstars in ihrer Mannschaft. Die werden umso wichtiger, je weiter du kommst. Wenn du dir gegen Argentinien einen Fehler erlaubst, bist du draußen. Da muss unsere rechte Seite zu hundert Prozent stehen.

Und wo stehen wir nun?

Wir sind steigerungsfähig. Es wird schwer. Aber gegen Brasilien spielen zu müssen, wäre ja auch nicht ganz einfach gewesen.

Wird Brasilien Weltmeister?

Ich sage: Brasilien wird im Halbfinale ausscheiden. Aber wetten Sie nicht darauf. Ich habe mit meinen Tipps noch nie Recht gehabt.

Sie sind im Augenblick als Trainer zu haben. Würden Sie nicht gern mal wieder in Deutschland arbeiten?

Ja, sicher. Mein Suchgebiet erstreckt sich von Japan bis Europa.

Togo soll ja gerade suchen.

Da muss man sehr flexibel sein. Ich weiß nicht, ob ich jemals so flexibel werden kann. Berlin oder Köln, das wäre schon schön. Berlin ist versorgt und Köln derzeit auf Schweiz-Tripp. Aber wer weiß, was noch alles kommt.

Sie sehen sicher einige Ihrer Mitspieler und Trainer von früher. Wenn Sie Franz Beckenbauer treffen, was sagen Sie dann: „Hallo Franz“ oder „Guten Tag, Kaiser“?

Am besten, man versucht, um die Anrede herumzukommen. Wenn es sein muss, dann einfach: „Trainer“. Das ist mit Berti Vogts genauso. Das wird wohl auch so bleiben. Die haben mächtig Ahnung von Fußball. Bei Daum und Netzer höre ich auch zu, die haben etwas zu sagen.

„Trainer“ und „Sie“ oder „Trainer“ und „du“?

Franz Beckenbauer hat allen Spielern nach dem Gewinn der WM 1990 das Du angeboten. Ich kenne bis heute nicht einen, der „du“ zu ihm sagt. Das ist eine Frage des Respekts.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

RTL: WM-Brunch, 11 Uhr; Japan – Kroatien, 15 Uhr, Brasilien – Australien, 18 Uhr, Frankreich – Südkorea, 21 Uhr

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