Medien : Die 0190-Regierung

Reinhard Siemes

Die Reklame-Sendungen von Home Order Television und Kollegen sind nicht nur mentaler Müll. Auch die Wunderdampf-Reiniger, Zauber-Reinigungspasten oder Bauchweggürtel bewegen sich dicht am Betrug. Immerhin, der so Geleimte kann die Ware nach 14 Tagen zurückschicken. Was viele Zuschauer, die reingelegt wurden, aber versäumen. Oft sind es Omas, die niemanden haben, der ihnen das fragwürdige Produkt einpackt und zur Post bringt. Oder der Ärger über den lächerlichen Zwiebelzerkleinerer hält so lange vor, dass die Frist in Vergessenheit gerät.

Doch wie auch immer, es gibt genug Warnungen von Verbraucherschützern, die Finger von den häufig überteuerten Nutzlosigkeiten zu lassen. Die gab es vor der Bundestagswahl auch. Aber wenn die FDP-Werbung vom Versagen der rot-grünen Regierung spricht, dann klingt das wie ein Einbrecher, der vor Taschendieben warnt. Und wenn Angela Merkel im Gefolge von Edmund Stoiber der staunenden Wirtschaft eine Konjunkturspritze von 40 Milliarden Euro verspricht, kann das nur ein Dampfkochtopf sein, der beim ersten Gulaschversuch bombastisch explodiert.

Trotzdem ist die Öffentlichkeitsarbeit der neuen Bundesregierung übelste Versandkosmetik. Schlimmer noch, sie wirkt wie die schmuddeligen 0190er-Filmchen, die sagen: „Für nur 12 Cent pro Minute die willigsten Hausfrauen aus Wuppertal.“ Später stehen auf der Telefonrechnung 1,60 bis 3,20 Euro pro Minute. Zumindest den Allesschneider oder den Talmi-Ring kann man, wie gesagt, den Sendern um die Ohren hauen.

Den Kanzler aber und seine Truppe, die müssen wir schlucken wie die lüsternen Russinnen oder die jungen, tabulosen Witwen aus dem Sachsenland. Andererseits sollten wir uns auch selbst an die Nase fassen: Haben wir nicht schon vor dem 22. September gewusst, dass uns alle Parteien verdorbene Fünfziger mit nachgewiesener Unschuld offerieren würden?

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