Medien : Die 33 Wahrheiten des Markus P.

Harald Martenstein

Fast 400 Seiten. Anzeigen, Anzeigen, Anzeigen. Nicht nur beim Comeback von Axel Schulz spielt Geld eine Rolle.

Das Magazin „Tempo“, 1986 bis 1996, war in den Augen seiner Gegner das Zentralorgan der Entpolitisierung. „Tempo“ war eine benutzerfreundliche Oberfläche, weil man von Welterklärungen die Nase voll hatte und die Welt lieber beschreiben wollte, aber nicht naiv beschreiben. „Tempo“ war Stil ohne Grenzen, die Diktatur der Subjektivität, lieber elegant gelogen als lahm die Fakten referiert. Am Ende kann dabei trotzdem Wahrheit herauskommen, ästhetische Wahrheit. Das, was daran richtig war, ist geblieben, über „SZ-Magazin“, „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ „jetzt“ und so weiter hat das Erbe von „Tempo“ sich, leicht verdünnt, übers Land verbreitet. Die Welt braucht „Tempo“ vermutlich nicht mehr, sie ist ja auch anders geworden.

Der erste Eindruck beim Durchblättern des Jubiläumsheftes läuft darauf hinaus, dass die Texte der meist recht berühmten Autoren nicht halb so wichtig sind wie ihre Inszenierung und dass Chefredakteur Markus Peichl mit Texten das Gleiche tut wie Theaterregisseur Frank Castorf, er benutzt sie als Hintergrundmusik für seine Kellerbar. Der zweite Eindruck aber läuft darauf hinaus, dass man in diesem Heft trotzdem längere Zeit liest.

Im Rückblick auf die letzten zehn Jahre nennen sie „33 Wahrheiten“. Wahrheit Nr. 8: „Auch Moslems onanieren“. Sie zeigen mit Blut gefüllte Swimmingpools und Dildos. Sie sagen dazu, dass in dieser Zeit bei Kriegen 5,2 Millionen Liter Blut vergossen worden sind und dass sich 19 Männer in persönlichen Krisen ihre Penisse abgeschnitten haben. Kapitalist und Globalisierungskritiker tauschen für einen Tag die Rollen, echte Frau sucht im Internet echten Sex, Mann spielt „Counterstrike“, die neueste Jugendkultur, die kein Erwachsener begreift. Erotische Fotos zeigen Lukas Podolski. Reportagen über Slums in Europa und über Wowereit. Ein Weltatlas zeigt, welche Sexpraxis in welchem Land am häufigsten gegoogelt wird. In den USA ist es „hand job“, im Iran „sadism“, in der Schweiz „safer sex“. Peichl soll früher ganze Storys frei erfunden haben, es waren nicht immer die uninteressantesten.

Ein Panoptikum. Es kommt der Welt, wie man sie zu kennen glaubt, deutlich näher als der neue „Stern“. Ja, „Tempo“ schafft es tatsächlich noch einmal, einen „Zeitgeist“ abzubilden mit dem Blick des amüsierten Außerirdischen. Dass Peichl demnächst wieder regelmäßig ein Magazin macht („Momo“), ist also eine gute Nachricht. Und, weil Geld immer eine Rolle spielt: Ich würde mir „Tempo“ kaufen.

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