Medien : Die Abräumer

Snooker, die Königsklasse des Billard, findet immer mehr Fernsehzuschauer

Tore Harmening

1875 hatten britische Offiziere in Indien offensichtlich genug vom Abwarten und Teetrinken. Sie erfanden Snooker, heute so etwas wie die Königsklasse des Billard (to snooker somebody: „jemanden sperren“). In Großbritannien ist es mit vier Millionen Spielern Nationalsport neben Fußball und Rugby. Aber auch in Deutschland entwickelt sich das Spiel für den Spartensender Eurosport zum Quotenbringer. Beim Finale des Masters-Turniers in Wembley Ende Februar sahen nach Auskunft des Sportsenders durchschnittlich 490 000 Zuschauer zu, was einem überdurchschnittlichen Marktanteil von 1,8 Prozent entspricht. Und das, obwohl Snooker im Fernsehen auf den ersten Blick ziemlich langweilig aussieht: Die Kamera zoomt auf einen überdimensionierten Pool-Tisch mit 15 roten und sechs farbigen Kugeln. Neben dem Tisch stehen die Spieler, zwei fein gekleidete Herren mit Weste und Fliege. Dazu noch ein Schiedsrichter, der die Punkte zählt.

Am meisten Zähler bringen die Farbkugeln, doch bevor ein Spieler sie mit Hilfe der weißen Kugel in einer der sechs Taschen am Tisch versenken darf, muss er dort eine rote Kugel unterbringen. Solange es rote gibt, legt der Schiedsrichter die eingelochten farbigen Kugeln zurück auf den Tisch. Wer die meisten Punkte hat, gewinnt am Ende den Durchgang, der im Snooker „Frame“ genannt wird.

Die Stars der Szene trainieren jeden Tag bis zu sieben Stunden, um bei den Matches präzise wie Maschinen den Tisch leer zu räumen. Die guten Spieler lochen in fünf bis zehn Minuten 36 Kugeln ein. Triumph und Niederlage liegen beim Snooker eng beisammen. Nur ein verpasster Stoß, und schon ist der Gegenspieler am Zug. Häufig wird der Gegner auch absichtlich in einer schwierigen Lage ans Spiel gebracht, denn durch Fehler des Kontrahenten gibt es ebenfalls Punkte. „Da spielen sich manchmal richtige Dramen ab“, sagt Rolf Kalb, der Snooker auf Eurosport moderiert.

Die Mischung aus dem fast hypnotischen Klicken der Bälle, großer Spannung und der Geschwindigkeit, mit der die Topspieler die Kugeln versenken, scheint beim Fernsehpublikum immer besser anzukommen. Eurosport verzeichnete 2004 nach eigenen Angaben in Deutschland einen Zuschauerzuwachs von 25 Prozent im Vergleich zu 2003.

Inzwischen hat der Sender die Rechte an allen großen Ranglistenturnieren und an der Weltmeisterschaft erworben. Die Gesamtsendezeit wird laut Werner Starz, Leiter Marketing, auf 280 Stunden in 2005 erhöht. Mit den Irish Open vom 5. bis 13. März steht schon das nächste Turnier an, bei dem Eurosport dabei sein wird. Ab dem Viertelfinale am 9. März wird der Sender live aus Dublin übertragen.

Auch das Deutsche Sportfernsehen (DSF) ist im Januar in die Snooker-Szene eingestiegen. Der Sender berichtet ein- bis zweimal im Monat von der Premier League, einem Einladungsturnier für Top-Spieler der Weltrangliste, und von Trickshot-Wettbewerben. „Snooker hat sich in der Vergangenheit bewährt. Für uns ist es eine sinnvolle Ergänzung unseres Programms“, begründet DSF-Geschäftsführer Thomas Deissenberger die Entscheidung.

Warum ein Sport, den in Deutschland schätzungsweise nur rund 6000 Menschen organisiert betreiben, gerade jetzt im Fernsehen solch einen Erfolg hat, können sich die Verantwortlichen nicht recht erklären. „Alle Spezialisten sagen, dass eine Sportart ohne Aktion, bei der zwei seltsam gekleidete Herren an einem Tisch spielen, nicht in den Zeitgeist passt. Vielleicht wird aber gerade dadurch ein Bedürfnis befriedigt“, vermutet Eurosport-Moderator Kalb.

Durch die längeren Sendezeiten hätten die Zuschauer zudem das Spiel und die Spieler besser kennen gelernt. Vorneweg das Enfant terrible Ronnie O’Sullivan, der als Weltranglistenerster nicht nur mit spektakulären Spielen auf sich aufmerksam macht. Sein Vater sitzt wegen Mordes im Gefängnis, O’Sullivan selber hatte lange Alkohol- und Drogenprobleme. Ganz anders Stephen Hendry: Der Schotte, Zweiter der Weltrangliste, gilt als der perfekte Schwiegersohn.

Ihre Meinung zu Spielern und Spiel können die Zuschauer auf Eurosport im Internet oder per SMS kundtun. So kommunizieren sie auch gleich mit dem „Rolf“, wie viele der Internetnutzer den Moderator nennen. Der Moderator ist nach Ansicht von Marketingleiter Starz auch ein Grund, warum sich so viele Zuschauer einschalten: „Rolf Kalb kann die Dinge für Anfänger und Eingeweihte erklären, ohne jemanden zu belehren.“

Jetzt will Eurosport Snooker auch der Werbewirtschaft schmackhaft machen. „Wir möchten zeigen, dass Snooker eine eigene Wertigkeit hat und nicht einfach nur ein Kneipensport ist", sagt Starz. Ob es durch die Übertragungen einen Snookerboom in Deutschland geben wird, ist noch nicht abzusehen. „Die Verantwortlichen beim Weltsnookerverband“, sagt Moderator Kalb, „haben aber schon registriert, dass sie erheblich mehr Post aus Deutschland bekommen.“

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