Medien : Die Akte Newton

Der Fernseh-Journalist Gero von Boehm hat einen Dokumentarfilm über den Fotografen Helmut Newton gedreht

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Von Barbara Nolte

Vor zwei Jahren, als er seine große Austellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin hatte, sträubte er sich gegen das Wort Retrospektive: Es war ihm zu rückwärtsgewandt. Helmut Newton, der Fotograf, damals 80 Jahre alt, bestand auf dem Untertitel „Work“. „Work“, fand er, klingt besser. So, als komme da noch was.

Mittlerweile hat Newton den Widerstand offenbar aufgegeben. Bertelsmann stellt seine Autobiografie auf der Buchmesse vor. Und mit dem Fernsehjournalisten Gero von Boehm ist er die Stationen seines Lebens noch einmal abgelaufen („Helmut Newton – Mein Leben“, 18 Uhr 10 auf Arte). Die beiden Männer spazierten durch den Stadtpark in Berlin-Schöneberg, in dem Newton als Kind immer spielte. Denn er ist in Berlin aufgewachsen – bis er Ende der 30er Jahre vor den Nazis um die halbe Welt geflohen ist: Mit dem Zug von Berlin nach Triest, weiter mit dem Schiff nach Australien. Von Boehm besuchte mit Newton dessen Pariser Galeristen. Mit den Modefotos, die Newton in den 60er Jahren in Paris für die „Vogue“ machte, gelang ihm der große Durchburch. Auch in der Wohnung des Fotografen in Monaco war von Boehm zu Gast. Und selbst zu diesen Prominentenparties, bei denen sich, kaum geht die Tür auf, ein halbes Dutzend Hände von Bediensteten recken, um das Kameraobjektiv zuzuhalten, hat Newton seinen filmischen Biografen mitgenommen.

Einen sehr aufwändigen Dokumentarfilm hat Gero von Boehm daraus gemacht, wenn auch in konventioneller Machart. Beispiel: der Ton. Da hat von Boehm die Bilder von Newtons Berliner Jahren mit Hans-Albers- Liedern unterlegt. Und zur Sequenz über Paris singt Edith Piaf. Den Ortswechsel verdeutlicht im Film eine Nachtaufnahme des Eiffelturms. Das ist alte Dokumentarfilmschule. Hier erkennt man Gero von Boehm wieder, diesen höflichen, ein wenig aus der Zeit gefallenen Mann, der immer donnerstags auf 3 sat Prominente wie zuletzt Peter Ustinow zum gediegenen Gespräch empfängt.

Auch entkommt der Film dem Dilemma nicht, in das jeder Helmut-Newton-Dokumentarist gerät. Da sind diese Berge von Bildmaterial: Newtons Modefotos, Prominentenfotos, Selbstportäts. Und vor allem: seine Akte. Die Frauen, hart ausgeleuchtet, überlebensgroß. Sie überstrahlen das gesamte Werk. Auch in von Boehms Film nehmen sie eine zentrale Stellung ein.

Und das ist es, was eine Dokumentation über Newton so schwer macht: Seine Bilder wurden so oft gezeigt. Auch seine Geschichte ist oft erzählt. Denn, auch wenn die Berliner Ausstellung „Work“ hieß und nicht „Retrospektive“, haben die Journalisten sie doch zum Anlass genommen, zurückzublicken auf Helmut Newtons Leben. Die Arte-Dokumentation geht nicht darüber hinaus. Auch Gero von Boehm hat Newton nicht aus dem Schatten der übergroßen nackten Frauen befreit.

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