Medien : Die Allesmüsser

Der Hessische Rundfunk probt die digitale Revolution: Um Geld zu sparen, werden Ein-Mann-Teams losgeschickt

Stefan Robiné

„Ihr seid die Pioniere einer Revolution! Diese digitalen Videokameras sind die Gutenberg-Pressen des 21. Jahrhunderts. Ich werde euch lehren, damit umzugehen, und dann setzt ihr die Standards für die Tausenden, die euch folgen werden." 33 Menschen, die bis jetzt einfache Reporter, Cutter oder Kameraleute waren, fühlen sich erwählt, das dreiwöchige Trainingslager in der nordhessischen Provinz mit dem Guru aus New York mitmachen zu dürfen. Die digitale Revolution ist in Kassel angekommen, Michael Rosenblum ist ihr Prophet, und das Sendegebiet des Hessischen Rundfunks (hr) wird das gelobte Fernsehland sein, in dem der Großversuch über die Bildschirme geht.

Der New Yorker Rosenblum ist der international führende Trainer für die Ausbildung von Videojournalisten – VJs (ausgesprochen: wi djschäi) –, und der hr ist angetreten, der national führende Sender im Einsatz von VJs zu werden. Dafür wandelte sich ein Regionalstudio des öffentlich-rechtlichen Senders in Kassel drei Wochen lang zum Trainingslager.

Handwerk im Koffer

VJ steht für Videojournalist und damit für ein in Deutschland ziemlich neues Berufsbild, das den journalistisch-technischen „Alleskönner“ respektive „Allesmüsser“ beschreibt. Sein Handwerkszeug passt in eine nicht allzugroße Tasche für Kamera samt Zubehör. Kommen dann noch ein Laptop hinzu und eine Portion Know-how, dann existiert laut Michael Rosenblum alles, was der neue Berufsstand braucht, um das Fernsehen zu revolutionieren, in Sachen Arbeitsweise, Kosten und Qualität.

Rosenblum ist Geschäftsmann genug, um die Qualität in den Vordergrund zu stellen. „Vergesst alles, was ihr bisher gelernt habt“, ruft er den künftigen VJs zu. Er predigt, „mit der neuen Technik nicht dasselbe alte Fernsehen“ zu machen, sondern anderes. Wenn nur einer komme, statt der drei bis vier Menschen, die bisher ein Fernsehteam ausmachen, dann könnten Beiträge mit ganz neuer Nähe und Intensität entstehen. Und wenn plötzlich 33 Ein-Mann-Teams gleichzeitig unterwegs sind, könnten bisher unbeachtete Themen ins Programm kommen. Beispiele aus dem Trainingslager zeigen, dass das so sein kann. Aber als erstes fallen die Kosten auf: Der VJ dreht seine Bilder selbst mit einer Digitalkamera – und ersetzt damit den Kameramann. Den Ton, für den bislang ein Tonmann mitkommt, macht der VJ ebenfalls selbst. Und schließlich kann er auf einem Laptop – dank professioneller Schnitt-Software – die Arbeit des Cutters, der bisher Beiträge am großen Computer im Studio schneidet, auch übernehmen. Bislang arbeiten drei bis vier Menschen am Produkt Fernsehbeitrag, jetzt einer. Die gesamte Ausrüstung eines öffentlich-rechtlichen VJs kostet rund 10 000 Euro. Eine einzige herkömmliche Kamera kostet das Vierzigfache. Deshalb war auch nicht ein neudefinierter Qualitätsanspruch, sondern schlichter ökonomischer Druck die Triebfeder der Hessen.

In Zeiten schrumpfenden Budgets hätten die öffentlich-rechtlichen Sender die Wahl, entweder Programme zu kürzen oder Produktionskosten zu senken, hatte HR-Intendant Helmut Reitze zu Beginn des Projekts erklärt und keinen Zweifel daran gelassen, dass die VJs sich rechnen müssen – auf Kosten freier Produktionsgesellschaften. Michael Rosenblum selbst hat vor 15 Jahren seinen ersten Film selbst gedreht, geschnitten und verkauft. Damals war er Einzelgänger und Außenseiter. Inzwischen dreht der Meister kaum noch selbst. Er lebt davon, dass die technische Entwicklung und der ökonomische Druck ihn zur Avantgarde haben werden lassen.

Das Ende traditioneller Berufsbilder

Noch verstauben so genannte DV-Kameras in manchem deutschen Regionalstudio. Aber in den vergangenen Jahren haben sich Preis und Qualität der Kameras ähnlich entwickelt wie bei den Computern: immer mehr technische Qualität für immer weniger Geld. Das Fernsehen erlebt jetzt, was die Zeitung vor 20 Jahren und der Hörfunk vor zehn Jahren durchgemacht haben. Die digitale Technik verändert traditionelle Berufsbilder nachhaltig. So wie Metteure bei der Zeitung und Tontechniker im Hörfunk verschwunden sind, könnte es auch Berufsständen im Fernsehbereich gehen.

Die 33 „Pioniere“, die in Kassel drei Wochen lang trainiert werden, sind überwiegend freie Reporter, die aus einem Dutzend verschiedener Redaktionen kommen. Es lernen aber nicht nur Journalisten das Video-Machen, sondern auch Kameraleute und Cutter das journalistische Handwerk. Der „Videojournalist“ nicht nur als berufliche Einbahnstraße, sondern als Chance der Weiterqualifizierung – das erleichtert die Zustimmung von Gewerkschaften und Interessenvertretungen. Der VJ-Modellversuch beim hr läuft bis Mitte 2004. Dann soll Bilanz gezogen werden, ob sich der VJ rechnet im Interessendreieck zwischen Technik-Kosten und Honoraren, Arbeitsbelastung der Autoren und Qualität der Beiträge. Denn der Zuschauer soll am wenigsten merken, dass weniger Menschen mehr arbeiten.

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