Medien : „Die alte ,Sportschau’ war trocken Brot“

Dieter Kürten hat seine Memoiren geschrieben. Ein Gespräch über schüchterne Sportler und Jenny Elvers’ offenherzige Fummel

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Herr Kürten, am Wochenende läuft die neue Bundesliga„Sportschau“ der ARD-Kollegen an. Neugierig?

Ic h bin gespannt, ob sie so nüchtern wird wie früher. Sie war ja recht schlicht: Ernst Huberty und Heribert Faßbender. Nur Fußball, keine Gäste. Das war schon trocken Brot.

Gerhard Delling wird die Premiere moderieren …

… ja, Delling mit seinen Sprachbildern und seinen flotten Sprüchen. Sie kennen ihn ja auch, Sie wissen, wie er moderiert. Er wird es nicht anders machen als sonst. Ich glaube, es wird in der neuen „Sportschau“ wenig Überraschendes geben: Sie werden dann und wann Gäste da haben, was nicht leicht sein wird, denn die Sendung ist früh. Und sie werden die Spiele zeigen, denn das ist ja das große Plus der „Sportschau“, dass sie die Spiele als Erste hat. Dafür hat die ARD ja auch sehr viel Geld bezahlt.

Klingt viel versprechend. „ran“ war zuletzt ziemlich überfrachtet von Werbung und Unterhaltungselementen.

Also ich fand’s okay. Mich störten auch die Unterhaltungselemente nicht. Wir früher im „Sportstudio“ hatten manchmal zu viele Unterhaltungselemente. Phasenweise haben wir ja abenteuerliche Dinge probiert. Aber irgendwann schreien die Leute auf und sagen: Nehmt uns nicht den Sport weg für so einen Kokolores.

Meinen Sie die Geschichte mit dem Affen und Tarzans Frau, die kürzlich im „Sportstudio“ wieder lief – als Hinweis auf das 40-jährige Bestehen der Sendung im August?

Nein, die gerade nicht, die war ein absolutes Highlight: Dieser Affe …

… ein leibhaftiger Affe …

… genau: Wir haben ihn extra für den ehemaligen Tarzan-Darsteller Johnny Weissmueller aus dem Zoo geliehen. Wir dachten: Tarzan, Affe – das passt. Und dann zieht der Affe Weissmuellers Frau vor laufender Kamera die Perücke vom Kopf.

Peinlich.

Sie nahm es ziemlich lässig, sie sagte so was wie: „Jede Frau, die heutzutage verreist, hat doch drei oder vier Perücken in ihrem Gepäck.“ Ich hab’ die Perücke mit spitzen Fingern vom Boden aufgehoben und ihr gegeben. Sie hat sie aufgesetzt wie einen Hut.

Der Mythos „Sportstudio“ ist in den letzten Jahren blasser geworden.

Ja, klar, weil die Konkurrenz größer geworden ist. Es gibt so viel Anderes,Aktuelleres.

Ihr früherer ZDF-Kollege Marcel Reif meinte mal, dass Spieler und ihre Manager immer größeren Einfluss auf die Sportberichterstattung nehmen würden. Er sagte wörtlich: „Du trittst zum Beispiel Matthäus, bildlich gesprochen, in die Weichteile. Es ist aus journalistischen Gründen erforderlich. Wenn Du ihn beim nächsten Mal anrufst, sagt er: So, Ihr braucht einen Gast. Nehmt doch unseren dritten Torwart.“

Ich sehe das nicht ganz so. Was stimmt: Es wird immer schwieriger, Gäste fürs „Sportstudio“ zu bekommen. Die Fußballer sind heute pausenlos am Ball. Das ZDF muss drei bis vier Wochen vorher für einen Gast anfragen. Der kann dann am Sendetag völlig fehlbesetzt sein. Früher konnten wir nach dem Spiel hingehen und sagen: Komm mit! Da saß dann manchmal einer in Trainingshose im Studio. Ungeduscht.

Früher war der Fußball ja rustikaler.

Sepp Herberger ist mit seiner Mannschaft in Trainingsanzügen sogar in den Petersdom gegangen. Herr Herberger, entschuldigen Sie, hatten Sie keine Ausgehanzüge?

Waren die Fußballer früher einfachere Männer als heute?

Eher schüchterner. Das machte die Gespräche manchmal ein wenig karg. Sehen Sie, es gab Männer wie den Reinhard Libuda, der mal bei Schalke 04 und Borussia Dortmund gespielt hat, der hatte richtig Angst, ins „Sportstudio“ zu kommen. Aber er war ein toller Stürmer. Alle wollten ihn sehen. Deshalb haben wir für ihn extra einen Skattisch aufgebaut. Er durfte zwei Begleiter mitbringen. Wir haben mit den Dreien vor laufender Kamera Skat gespielt und dazu ein bisschen geplaudert. Ein Interview wäre mit ihm gar nicht gegangen.

Solche Typen gibt es im modernen Profifußball nicht mehr.

Die Spieler sind geübter, die Vereine machen mit ihnen Medientraining. Der HSV hat in den 70ern schon damit angefangen: mit Benimmkursen. Man brachte den Spielern bei, wie man sich bei Tisch benimmt, wie man sich der Dame gegenüber verhält, was man anzieht.

Wie hat sich der Sportjournalismus in den Jahren verändert?

Als ich Sportchef beim ZDF war, durften wir zum Beispiel kein Boxen und auch keine Formel 1 übertragen. Haben wir auch nicht gemacht. Die Gremien haben es abgelehnt. In der Formel 1 sind damals so schlimme Unfälle passiert: Gilles Villeneuve zum Beispiel hat sich ja selbst enthauptet, das haben die Kameras auch noch gezeigt. Es hat mich sehr gewundert, dass das ZDF wieder ins Boxen eingestiegen ist. Natürlich bringt das Riesenquoten. Andererseits weiß man, dass Boxen gesundheitsschädigend ist. Trotzdem schauen da zehn Millionen Menschen zu!

Sie sind seit drei Jahren in Pension – fehlen Ihnen die Fußballer eigentlich?

Ich gehe ja oft am Wochenende mit einem Freund, der genauso fußballbegeistert ist wie ich, auf den Fußballplatz.

Wohin denn?

Zu Leverkusen, Kaiserslautern. Nicht zuletzt: Weil die die schönsten VIP-Räume haben. Und dann sitzen wir nachher noch da und essen und trinken gemütlich.

Donnerstags sind Sie ständiger Rategast in Karl Dalls Retro-Quizshow „Weißt Du noch?“ Warum machen Sie das?

Es bringt Spaß. Die Welt braucht diese Sendung nicht, aber sie braucht viele andere Ding e auch nicht. Und wir machen es uns ganz lustig da. Und den Karl Dall mag ich ja. Mein Pendant ist Jenny Elvers. Die ist helle, ziemlich pfiffig und sieht prima aus. Die müsste sich nur anders kleiden: Das ist immer ein bisschen zu offenherzig. Das muss nicht sein. Karl und ich haben ihr das schon mal gesagt: Hör’ doch auf mit dem Fummel da. Sie hat gesagt, okay.

Was machen Sie sonst noch?

Ich bin noch freier Mitarbeiter beim ZDF, moderiere Galas und Wohltätigkeitsveranstaltungen. Und dann habe ich ja auch meine Autobiografie geschrieben.

Haben Sie die von Stefan Effenberg gelesen, um sich inspirieren zu lassen?

Nein, die interessiert mich nicht, da sind mir zu viele Unappetitlichkeiten drin.

Mit Autobiografien kann man heute richtig Auflage machen. Dafür muss man viel Privates erzählen. Sie haben ihr Privatleben ganz ausgespart.

Ja. Alles. Das möchte ich nicht.

Das einzige Outing des Buches war: Sie sind ein strenggläubiger Christ.

Das ist doch normal. Beim ZDF wissen das alle.

Sie schreiben, manche hätten in Ihren Postkasten Zettel geworfen. Was stand drauf?

„Kürten kennt Jesus.“ Ich wusste auch, woher die Zettel kamen.

Das hat Sie geärgert.

Überhaupt nicht, ich dachte: Ja, Recht hat er .

Das Gespräch führte Barbara Nolte.

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