Medien : Die Angst diktiert die Themen

Irakische Journalisten werden in Deutschland geschult – für bessere Zeiten

Stefan Jacobs

Sahar Mohammed hat Heimweh. Sie kann es kaum erwarten, am Sonnabend ins Flugzeug nach Amman zu steigen und zu ihrer Familie nach Badgad zurückzukehren, die sie fast einen Monat nicht gesehen hat. Nächste Woche wird die 39-Jährige wieder als Reporterin in Bagdad unterwegs sein, soweit das geht.

Abdulzahra Abdulsahib wird ab Montag wieder jeden Morgen vor seiner Haustür in Bagdad auf das Auto warten, das ihn in die Redaktion bringt. Er wird die Nachrichtenlage sondieren und hoffen, dass nicht wieder eine Granate durch die Wand kracht wie vor zwei Monaten. Als stellvertretender Chefredakteur der Zeitung „Al Mahda“ wird der 49-Jährige überlegen, welche Nachrichten die Leser interessieren und welche davon ohne Lebensgefahr gedruckt werden können. Allzu viel bleibt dabei nicht übrig.

Sahar Mohammed und Abdelzahra Abdulsahib sind zwei von sieben irakischen Journalisten, die in Deutschland ein Seminarprogramm absolviert haben. Sie haben sich etwas über journalistisches Handwerk und die Rolle der Medien in Demokratien erzählen lassen, Tipps zur Wahlberichterstattung bekommen und wurden im Auswärtigen Amt empfangen, das die Reise finanziert. Für den Inhalt ist die Deutsche Welle (DW) verantwortlich, die deutsche Themen in alle Welt funkt und in einer Akademie gezielt Journalisten aus Krisengebieten weiterbilden will. Für die Iraker standen auch Gespräche mit ostdeutschen DW-Redakteuren auf dem Programm. Thema: Die Rolle von Journalisten im politischen Systemwechsel. Das lag nahe, denn die Gäste haben allesamt schon zu Saddams Zeiten journalistisch gearbeitet.

Allzu viel erzählen sie darüber nicht. Sahar Mohammed sagt, sie habe sich von der politischen Berichterstattung zurückgezogen. „Ich berichte jetzt über soziale Probleme.“ Themen gibt es angesichts dramatisch steigender Arbeitslosigkeit genug. Man muss sie nur erreichen: „Wegen des chaotischen Verkehrs und der ständigen Anschläge kann man keinen Termin einhalten“, sagt Mohammed, die 17 Jahre für englischsprachige Zeitungen gearbeitet hat und jetzt für die mit 60000 Exemplaren größte irakische Tageszeitung „Al Sabah“ schreibt. Sie sei mehrmals knapp mit dem Leben davongekommen. „Für mich sind die Arbeitsbedingungen nicht besser als früher“, resümiert sie. „Die Angst ist geblieben.“ Zum Programm in Deutschland gehörte auch ein Besuch bei „Reporter ohne Grenzen“. Die Organisation erstellt einen Index für Pressefreiheit, auf dem der Irak in diesem Jahr von Platz 135 auf 148 abgerutscht ist. Mindestens 29 Journalisten starben demnach allein in diesem Jahr.

Abdulsahib erzählt, er habe unter Saddam als Kulturredakteur bei der Regierungszeitung „Al Jumhuria“ seine Nischen gefunden – Theaterkritiken etwa oder Buchrezensionen. Dass im Zweifelsfall oft lieber ein Jubelgedicht auf Saddam gedruckt wurde, verschmerzte er. An Revolution war ohnehin nicht mehr zu denken, nachdem die Alliierten im Golfkrieg von 1991 Saddam im Amt belassen hatten. Also wartete Abdulsahib geduldig auf bessere Zeiten. Sein Monatslohn von umgerechnet 30 Dollar war ja recht gut.

Jetzt verdient er 400 Dollar, was trotz der Inflation noch viel besser ist. Er gehöre wieder zu der von Saddam ausgelöschten Mittelschicht, sagt er. Theoretisch kann er jetzt machen, was er will: Alles ist erlaubt und nichts geregelt. Also entscheidet die Vorsicht darüber, was gedruckt wird. Wichtigste Quellen sind die Korrespondenten der Zeitung, die in allen Bagdader Bezirken und Ministerien sitzen. Von dort schicken sie ihre Texte per Mail oder Telefon in die Redaktion. So machen das auch die Kollegen in den Widerstandshochburgen Ramadi und Falludscha, „aber einige von deren Berichten konnten wir aus Angst um ihr Leben nicht veröffentlichen“. Er hat Saddam gehasst, aber er mag auch die Amerikaner nicht. Deren verheerende Fehler – allen voran die Auflösung der irakischen Armee – müsse man nun ausbaden.

Die Sprachregelung für das, was sich im Irak tut, ist schwierig. Während Abdulsahib Gewalttaten eher „Terror“ als „Widerstand“ nennen will, hat Mohammed andere Maßstäbe: „Wenn sich in Falludscha die Leute bewaffnen, um sich gegen die unerträglichen Bombardierungen durch die Amerikaner zu wehren, halte ich das für legitimen Widerstand.“ Viele ihrer Al-Sabah-Kollegen unterstützten diese Haltung, sagt sie. Kurz zuvor hatte sie erzählt, dass die US-kontrollierte Übergangsregierung das Blatt zu ihrem offiziellen Sprachrohr machen wolle. Das ist ein wenig wie früher – und hat dem ehemaligen Chefredakteur so gestunken, dass er im März eine eigene Zeitung gründete. Doch die Themen werden weiter von der Angst diktiert.

Trotzdem freut sich Sahar Mohammed auf die Heimat: „Wegen meiner vier Kinder“, sagt sie. „Hauptsache, ich komme jeden Tag gut wieder nach Hause.“

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