Medien : Die Angst vor der falschen Antwort

Am 2. Mai kommt es zum Fernsehduell Sarkozy gegen Royal. Beide Kandidaten misstrauen den Medien

Hans-Hagen Bremer[Paris]

23 Millionen Franzosen werden am kommenden Mittwoch abends vor ihren Fernsehgeräten sitzen. Vielleicht werden es auch ein oder zwei Millionen mehr sein. Auf jeden Fall wird die von dem kommerziellen Fernsehsender TF1 und dem öffentlich-rechtlichen France 2 direkt ausgestrahlte Debatte zwischen Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy, den beiden Kandidaten, die sich vier Tage später in der Endrunde der Präsidentenwahl gegenüberstehen, für zwei Stunden zu einem Straßenfeger werden.

Die Regeln für dieses TV-Duell der beiden Wahl-Finalisten wurden jetzt von ihren Repräsentanten, dem früheren Kulturminister Jack Lang für Royal und Claude Guéant, Sarkozys Wahlkampfdirektor, sowie den Verantwortlichen der Fernsehsender unter Aufsicht des Conseil Supérieur de l’Audiovisuel, der Medienaufsichtsbehörde CSA, in allen Einzelheiten von der Studiodekoration bis zur Beleuchtung und den Positionen der Kameras festgelegt. Es wird keine Debatte nach amerikanischem Vorbild sein, bei dem die Kandidaten auf Fragen von Journalisten antworten, sich aber nicht gegenseitig ansprechen, sondern ein klassisches Face-à-face, bei dem sich die Kandidaten an einem Tisch gegenübersitzen und auf Fragen von zwei Journalisten, Patrick Poivre d’Avor von TF1 und Arlette Chabot von France 2, direkt miteinander debattieren. Die Rolle der beiden Moderatoren besteht in der Hauptsache darin, mit ihren Fragen die jeweiligen Themen anzuregen und mit der Stoppuhr über die Einhaltung gleicher Redezeiten für beide zu wachen.Nichts soll dem Zufall überlassen sein, Unvorhergesehenes soll nicht passieren.

Dass sie kurz vor der Wahl mit einem Patzer noch ihre Siegeschancen beeinträchtigen könnten, ist die große Sorge der beiden Kandidaten. Ihr Verhältnis zu den Medien ist ohnehin während des ganzen Wahlkampfs von Misstrauen geprägt gewesen. „80 Prozent der Medien sind gegen mich“, pflegt Sarkozy sich zu beklagen. Bei einem Kandidaten, der Martin Bouygues, den Eigentümer von TF1, als Trauzeuge bei seiner zweiten Ehe zu seinen Freunden zählt oder von Arnaud Lagardère, EADS-Aktionär und Eigner von „Paris Match“ und des Rundfunksenders Europe 1, als „Bruder“ gefeiert wird, klingt das natürlich übertrieben. Aber durch seine mal anbiedernde, mal ruppige Art hat Sarkozy gegenüber Journalisten ein merkwürdiges Verhältnis geschaffen. „Nennen Sie mich Nicolas“, sagte er zum Beispiel zu Memona Hintermann, der Starreporterin von France 2, bei ihrer ersten Begegnung. Sie blieb beim „Monsieur“. Journalisten, die ihn im Wahlkampf begleiteten, duzte er ständig. „Ich siezte ihn wie alle anderen“, berichtete einer von ihnen, „aber manche widerstanden nicht und ließen sich am Ende aufs Du ein.“

Im Grunde verachtet Sarkozy Journalisten. „Scheißkerle“ (charognards) hat er sie einmal genannt, das war wahrscheinlich scherzhaft gemeint, kam aber bei den Betroffenen als Beleidigung an. Unbequemen Fragestellern begegnet er mit Drohungen wie „Ich habe gestern Ihren Patron getroffen“ oder „Ich weiß über Sie Bescheid“. Ein rotes Tuch ist ihm „Libération“. Als das Linksblatt seine Immobilienaffäre groß aufmachte, griff er zum Telefon, um sich bei Edouard de Rothschild, dem Verleger der Zeitung, zu beschweren. Explodieren kann er, wenn er sich nicht seinem Rang entsprechend empfangen sieht, wie neulich vor einer Sendung bei FR3. Da drohte er der gesamten Direktion mit dem Rauswurf, wenn er gewählt werden sollte.

Ganz so krass ist das Verhältnis Royals zur Presse nicht. Doch auch sie hat ein Problem mit den Medien. Vor ihrer Kandidatenkür im November 2006 konnte sie gar nicht genug Publizität kriegen, vor allem in Frauenzeitschriften. Im Wahlkampf machte sie sich dann rar und stellte Journalisten alle möglichen Bedingungen. Beim Essen oder Aussteigen aus dem Auto durfte sie nicht mehr fotografiert oder gefilmt werden. Journalisten, die ihr Unangenehmes berichteten, bekamen ihren Ärger zu spüren.. Über eine Reporterin des „Parisien“ beschwerte sie sich beim Verleger. Zu Terminen kam sie oft zu spät. Manche Interviews sagte sie kurzfristig wieder ab.

Selbst am ersten Wahlabend ließ sie über eine Stunde lang mit ihrer Fernsehansprache auf sich warten. Äußerungen frei von der Leber weg sind nicht ihre Stärke. Sie fürchtet ständig, einen Fehler zu begehen. Presseerklärungen bereitet sie schriftlich vor. Die verliest sie dann, ohne danach den Reportern Fragen zu gestatten.

Ins TV-Duell am 2. Mai gehen beide mit einem Handikap, das sie überwinden müssen – Royal ihre Angst, sich durch eine Schwäche als inkompetent zu erweisen, und Sarkozy durch Aggressivität als Macho. Doch ausschlaggebend wird die Spontaneität der Debatte sein.1974 hielt Valéry Giscard d’Estaing Francois Mitterrand vor, er habe nicht das „Monopol des Herzens“. 1981 konterte Mitterrand Giscards Behauptung, er sei ein „Mann der Vergangenheit“ (homme du passé) mit dem Wortspiel, er Giscard, sei ein „homme du passive“.

Unvergessen ist auch der kurze Schlagabtausch zwischen Mitterrand und Jacques Chirac 1988. Da sie beide als Kandidaten gleich seien, rede er ihn nicht als „Monsieur le Président“ an, hatte Chirac, damals Mitterrands Regierungschef, gesagt, sondern als „Monsieur Mitterrand“. Darauf gab Mitterrand zur Antwort: „Da haben Sie vollkommen recht, Monsieur le Premier Ministre.“ Damit war die Debatte gelaufen.

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