Medien : Die ARD am Nil

Wie Fernsehzuschauer in Ägypten die Fifa bei der WM-Übertragung überlisten

Andrea Nüsse[Kairo]

Wer heute in Ägypten über Satellit ARD oder ZDF anschaut, würde nicht meinen, dass Deutschland im Fußballfieber liegt. Statt im Morgenmagazin schon das neueste aus dem Mannschaftsquartier der deutschen Elf zu erfahren oder das Spiel Deutschland gegen Polen zu verfolgen, sieht der Zuschauer in Kairo zur selben Sendezeit durchaus interessante Dokumentationen über die rumänische Küche, das Nistverhalten der Klippenschwalbe oder Balzverhalten von Lerchen. Oder das Musikfestival „Fräulein Lorelei“ oder zeitlose Serien, von denen man nicht genau weiß, wer sie wann wozu produziert hat. Nur gibt es kein einziges aktuelles Bild von einem runden Ball. Sie stutzen?

Normalerweise sind die Programme der beiden öffentlichen deutschen Sender kostenlos über den Satelliten Hotbird in Ägypten zu sehen. Das sind sie auch weiterhin. Nur mit Sonderprogramm. Denn die beiden Sender haben die Übertragungsrechte nur für Deutschland gekauft, und die strenge Fifa wacht darüber, dass niemand im Ausland umsonst auf deutschen Kanälen mitschaut. Einen Monat lang, 24 Stunden am Tag, sehen wir stattdessen den ZDF-Dokukanal und das ARD-Programm Festival 1.

Aber die schlaue Fifa konnte nicht alle Löcher stopfen. Und so dürfen beide Sender weiterhin ihr aktuelles Programm über den Satelliten Astra senden, der Europa abdeckt – und schwach auch an den südlichen Rändern des Mittelmeeres ankommt. Über Astra bekommen wir nun also auch das ARD-Programm mit Fußball. Alhamdullillah. Das haben auch die Ägypter mitgekriegt. Denn hier sind die Spiele der WM nur über den saudischen Pay-TV-Sender ART zu sehen, was sich die wenigsten der überaus fußballbegeisterten Ägypter leisten können. Das staatliche Fernsehen hatte es abgelehnt, ART für fünf Millionen Dollar die Übertragungsrechte abzukaufen. Während das palästinensische Fernsehen einem türkischen Sender das WM-Programm stiehlt und der König in Saudi-Arabien erzwang, dass ART wenigstens die Spiele der saudischen Mannschaft im staatlichen Fernsehen überträgt, ließ sich in Ägypten nichts drehen. In der staatlichen Tageszeitung „Al Ahram“ wurde daher in großen Kästen darauf hingewiesen, dass alle Spiele im deutschen Fernsehen kostenlos übertragen werden – wenn man denn mit seinem Receiver den Satelliten Astra anpeilen kann.

Wer kein Satellitenfernsehen hat, hat Pech gehabt. Oder er versucht bei Spielen der Deutschen sein Glück beim Goethe-Institut, das in seinem großen Garten im Stadtzentrum Kairos zwei Großleinwände aufgestellt hat. Auf der Hauptleinwand läuft der saudische Sender ART mit arabischsprachigem Kommentator, der dadurch besticht, dass er 90 Minuten ununterbrochen durchredet und ihn selbst die schwierigen Namen wie Schweinsteiger oder Mertesacker nicht aus dem Konzept bringen. Im hinteren Teil des Gartens wird dasselbe Spiel auf einer kleineren Leinwand von ARD oder ZDF übertragen. Der technische Fortschritt ist unbestritten faszinierend, hat aber auch seine Tücken. Während sich auf der Hauptleinwand im arabischen Sender eine spannende Torsituation zusammenbraut und alle den Atem anhalten, erschallt im hinteren Teil des Gartens bereits der Torjubel: Das Übertragungssignal des deutschen Fernsehens erreicht Kairo etwa zwei Sekunden vor dem des saudischen Senders ART – bei ARD und ZDF fallen die Tore also zwei Sekunden früher.

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