Medien : Die ARD wird 50: Öffentliches Recht

Joachim Huber

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse wird sprechen, danach werden die Länderchefs Kurt Beck und Eberhard Diepgen das Wort ergreifen. Selbst der ARD-Vorsitzende Peter Voß wird der heutigen Veranstaltung im Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt nicht die Aura eines Staatsaktes nehmen wollen. Dabei wird nicht der 50. Geburtstag des ADAC zelebriert, sondern die ARD wird 50 Jahre alt. Gegründet von sechs Länderanstalten im Jahre 1950, ist die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland nur ein Jahr jünger als die Republik selbst - und darüber ein prägender Teil von ihr geworden. Da besteht eine Seelenverwandtschaft. Als sich die bundesdeutsche Gesellschaft dem Ziel verschrieben hat, annähernd gleiche Lebensbedingungen für alle Bürger zu schaffen, da musste die ARD mit dem Auftrag der "Grundversorgung" eine zwillingshafte Anstrengung unternehmen. Vermittelt wurde ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, von Heimat, vielgestaltig und vielschichtig. Die Gemeinschaftsbildung funktionierte über Jahrzehnte, das Große wuchs aus dem Kleinen. Vom Wurzelwerk der regionalen Berichterstattung in Hörfunk und Fernsehen spreizt sich der ARD-Baum in die Krone des Ersten Deutschen Fernsehens. Nebentriebe sind zu bewundern, der Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix oder der werbefreie Kinderkanal oder das Engagement beim Arte-Kulturprogramm finden ihr Publikum.

Die ARD bewegt sich heute im Medienmarkt einer Mediengesellschaft. Hat sie nicht ihre Seele eines integrativen Bürgerfunks verloren an eine Elektronik-Holding aus Dachmarken, Promi-Gesichtern und Programm-Seelchen, integrativ nur noch in der Zwangsgemeinschaft der Gebührenzahler? Die Idee eines Rundfunks für so viele wie möglich ist nicht verbraucht. Die ARD selbst scheint an der Attraktivität ihrer Grundlage zu zweifeln. Sichtbar sind ihre Anstrengungen zur Verspartung von Zuschauer-Interessen, des Sortierens nach großem und kleinem Publikum. Integrationsleistungen werden entsorgt: der Breitensport ohne Event-Charakter in die Dritten Regionalprogramme, das anstehende Fernsehspiel von Norbert Kückelmann zum Rechtsradikalismus in die ARD-Stunde vor Mitternacht, landessprachliche Angebote für ethnische Minderheiten in die Multikulti-Radios. So verspartet, so disparat wie die ARD-Programmleistungen ist der Mensch nicht. Es mag marktkonform sein, es ist nicht mehr gesellschaftsfähig, wenn die Gesellschaft mit der ARD unterhalten wird, sich die Gesellschaft in der ARD jedoch nicht mehr unterhält und verständigt.

"Big Brother", ja, das ist quotenträchtiges Multi-Kulti jenseits der ARD. Zlatko, der Mazedonier aus Schwaben, und die farbige Manu treffen Alex, Kerstin, Jürgen beim Container-Fernsehen. Und John, der "Ossi" aus Potsdam, wird um 250 000 Mark reicher. RTL 2 hat eine Meisterleistung an Integration hingelegt. Das muss die ARD auch können, ohne in der Kopie von "Big Brother" zu landen. Vielfalt in der Grundversorgung ist schließlich der beste Minderheitenschutz. An Wahlabenden, bei "Brennpunkten" und bei der "Tagesschau" entwickelt das Erste Programm noch Zentrifugalkraft, letzte Restposten in den Koordinaten von Dauer-Fußball und Süßstoff-Fiktion.

Die ARD hat ihren Vorzug aufgegeben, eigentliche keine Quote machen zu müssen. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk sollte für die mentale Grundversorgung der Bevölkerung sorgen, damit die Ideen und Ideale, die die Zivilgesellschaft in ihrem Innersten zusammenhalten soll, nicht abhanden kommen. Von ihrem 51. Lebensjahr ab muss die ARD sich wieder verstärkt in diese Aufgabe integrieren - oder integriert werden. Alle alten ARD-Erfolge verblassen, wenn sie nicht erneuert werden.

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