Medien : Die Auferstehung des Jakob-Maria Mierscheid

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Wenn es Nacht wird bei den Nachrichtenagenturen, dann ist man dort für jede Meldung dankbar. Erst recht, wenn es um eine weitere Sensation aus der traurigen Zerfallsgeschichte der SPD geht: „Der SPD Bundestagsabgeordnete Jakob-Maria Mierscheid“, meldet Reuters am Dienstag um 1 Uhr 46, „will noch heute aus der SPD austreten und sich um ein Mandat bei der Linkspartei/PDS bewerben.“ Denn „mit blutendem Herzen“ habe er feststellen müssen, dass die SPD nicht die Interessen der Arbeiter vertrete. Zwei Minuten später kündigt Reuters eine Pressekonferenz des Abgeordneten an.

Es dauert eine Viertelstunde, bis Mierscheid bei Reuters als das identifiziert ist, was er wirklich ist: ein Phantom. Um 2 Uhr 04 tritt bei Reuters nur noch der „fiktive Bundestagsabgeordnete“ Mierscheid aus.

Aus Spaß haben sich einige SPD-Abgeordnete im Jahr 1979 Mierscheid ausgedacht. Er ist der typische Hinterbänkler, einer von denen, deren Namen die Öffentlichkeit nicht kennt und die immer mal wieder Absurdes fordern. Seitdem führt Mierscheid sein Eigenleben im Parlamentsbetrieb. Er neigt zur höheren Philosophie und hat das so genannte „Mierscheid-Gesetz“ entdeckt. Danach entspricht der Stimmenanteil der SPD bei der Bundestagswahl stets der jeweiligen Rohstahlproduktion in den alten Bundesländern, in Millionen Tonnen.

Die unausgesprochene Selbstberichtigung von Reuters hindert die Agentur DDP nicht daran, den Flop zu wiederholen. Um 7 Uhr wird dort der Abgang aus der SPD gemeldet – diese Agentur braucht wiederum 21 Minuten, um eine „Berichtigte Neufassung“ zu verbreiten: „Phantom Mierscheid verlässt SPD und kandidiert für Linkspartei.“

Kurz nach 10 Uhr erfährt die Öffentlichkeit die Wahrheit: Alle Meldungen über Mierscheid, meldet DDP, seien „eine blöde Ente“. Selbstironisch zitiert die Agentur den fiktiven Abgeordneten: „Ich bin und bleibe in der SPD.“

Wer hat diesmal Mierscheids Fäden gezogen? Dazu Mierscheid: Der Linkspartei müsse es dreckig gehen, wenn sie sich so Aufmerksamkeit verschaffen müsse. Reuters auch. KILL, heißt es dort 8 Uhr 38 humorfrei: „Die Meldung wird hiermit zurückgezogen.“ tib

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