Medien : Die Aura der Ausgestoßenen

Behinderte Darsteller begeistern im Fernsehen – heute die gelähmte Marlene Beilharz in „Engelchen flieg“

Barbara Sichtermann

Das Jahr der Behinderten 2003 haben sie nicht gebraucht, die Rollis und die Spastis und die anderen Behindis, die zurzeit auf die Leinwand und den Bildschirm drängen. Es gibt sie da schon länger. Vorreiter war übrigens das Theater, wo Menschen mit Handicaps seit je zeigen durften, dass sie spielen können.

Das Fernsehen aber holt jetzt auf. Behinderte werben nicht nur um Verständnis für außergewöhnliche Lebenslagen, sondern profilieren sich als großartige Darsteller/innen und telegene Persönlichkeiten. Einen vorläufigen Höhepunkt setzte vor Jahren die Leistung des Bobby Brederlow, des jungen Mannes mit Down-Syndrom, der 1999 neben Senta Berger den „Bambi“-Preis für seine Rolle in „Liebe und andere Katastrophen“ entgegennahm. Seitdem ist Brederlow Schauspieler, und zwar ein guter. Zur selben Zeit inszenierte Lars von Trier in „Hospital der Geister“ ebenfalls zwei geistig Behinderte als geheimnisvolle und treffliche Kommentatoren des Geschehens.

Im Doku-Bereich ernteten Filme wie „Kopfleuchten“ über Menschen mit verschiedenen neurologischen Störungen und bizarren Verhaltensauffälligkeiten verdiente Preise. Wer derzeit ins Kino gehen will, kann in „Kroko“ ein schwer erziehbares, kleinkriminelles, gewalttätiges Mädchen sehen, das am Ende die Gesellschaft von Behinderten (in deren Heim es als Strafe für ein Vergehen arbeiten muss) dem Rumhängen mit der Clique vorzieht. Und heute abend gibt es im Fernsehen die sensationelle schauspielerische Leistung der spastisch gelähmten Marlene Beilharz zu bewundern, die in „Engelchen flieg“ das Problemkind Pauline der fiktiven Familie Koller spielt (mit ihrer Echt-Mutter Corinna Beilharz als Filmmutter Hanna Koller).

Was hat es auf sich mit dieser Behindertenoffensive im TV? Ein Epileptiker galt in der Antike als von den Göttern besessen, die Fallsucht als heilige Krankheit. Über die Jahrhunderte hinweg gaben die Normalos ihrer Ehrfurcht vor der beängstigenden Abweichung durch Zuschreibung übernatürlicher Fähigkeiten Ausdruck. Im Wahnsinn liege doch vielleicht eine höhere Einsicht? Dann kam die neuzeitliche Wissenschaft und machte mit solchen Mystifikationen Schluss. Behinderte wurden zu „Fällen“, wurden weggeschlossen und bestenfalls bedauert. Waren sie einst gerade ihrer Defizite wegen immer auch mehr gewesen als Gesunde, waren sie jetzt nur noch weniger. Bis Stimmen wie die von Michel Foucault auf die Opfer des Kontroll- und Ordnungswahns der Moderne hinwiesen. Und sich die darstellenden Künste der Ausgestoßenen annahmen. In den 70ern zeigte das Fernsehen die Serie „Unser Walter“ – sie handelte vom Leben mit einem Jungen, der ein Chromosom zu viel hat (wie Bobby). Das Thema blieb. Aber erst nach und nach traten die Thematisierten aus der Typisierung heraus und spielten Menschen, die anders sind.

Die gelähmte Marlene Beilharz ist geistig nicht behindert, aber die Lähmung (infolge Sauerstoffmangels unter der Geburt) geht so weit, dass ihr die Finger beim Zugriff nicht gehorchen, sie also gefüttert werden muss und auch ihre Artikulation gestört ist – man versteht sie erst, wenn man sich eingehört hat. Dazu lässt „Engelchen flieg“ viel Zeit. Der Zuschauer entdeckt in Marlene ein Mädchen mit Durchblick und Witz, und er hat daran eine so große, überraschende Freude, dass er eigentlich nur noch ihr gegenübersitzen möchte und sich für die Ehekrisen-Geschichte, die da behinderungs- und überlastungsbedingt auf dem Bildschirm ausbricht, eigentlich kaum interessiert.

Marlene/Pauline, so denkt man zu Beginn, stellt als pflegebedürftiges Kind im Rollstuhl die harte Bedingung dar, an der eine TV-Ehe fast zerbricht. Dann realisiert man: Die Kleine bleibt nicht am Rande. Sie wandert in den Mittelpunkt. Sie versteht, was passiert, sie reagiert, sie leidet, sie versucht zu schlichten, sie bittet um Nähe und Frieden, sie heult, sie lacht – sie spielt! Sie spielt eine Rolle. Nicht nur eine Bedingung und keineswegs bloß sich selbst. Sie ist es, die aus dem Film des mehrfach mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneten Adolf Winkelmann ein außerordentliches Erlebnis macht.

Vielleicht lässt sich zur Abwechslung ja mal etwas durchweg Gutes über unsere Medien und besonders das Fernsehen sagen: Das Fernsehen stellt in seinem Hunger nach dem Außergewöhnlichen den Behinderten, den Menschen in ganz anderen Lebensumständen, den Gelähmten, den Fallsüchtigen, den Gehörlosen, den Psychotikern, den Kids mit Down-Syndrom, den Blinden und Stummen eine Bühne bereit, auf der sie sich drehen, zeigen, spielen und über sich hinauswachsen können und dabei dem reibungslos funktionierenden Rest der Welt die Frage aufgeben, ob er seine Prioritäten immer richtig setzt.

Ob es nicht manch einem wie Kroko ginge, wenn er nur Zeit hätte, die Leute in den Heimen kennen zu lernen. Ob es nicht wunderbar wäre, mit einem Mädchen wie Marlene SMS auszutauschen. Dass Fernseh-Macher bei ihrer Stoffwahl meist nicht das Humanitäre, sondern eher das Spektakuläre im Auge haben, spielt dabei keine Rolle. Letztlich sorgen sie mit ihrem Medium dafür, dass Menschen mit Handicaps das zurück erhalten, was sie in vormodernen Zeiten besaßen: die Aura des Besonderen. Und zwar durch die Theatralik, die Kamera, das Licht des Studios.

„Engelchen flieg“: 20 Uhr 15, ARD

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