Medien : Die Basis steht – es fehlt die Spitze

Berlin als Medienstandort ist im Online-Journalismus führend

Bernd Gäbler

In der Kreativwirtschaft der Hauptstadt ist alles zu besichtigen: Mode und Computerspiele, Musikindustrie, Kongresse aller Art und selbstverständlich auch „alles mit Medien“. 22 überregionale meinungsbildende Blätter unterhalten an der Spree starke Büros und prägen so das Bild vom politischen Berlin im Rest des Landes. 94 Tageszeitungen sind zusätzlich mit Korrespondenten oder Berliner Büros vertreten. Mehr als vierhundert Auslandskorrespondenten berichten und machen Berlin zu einem Newsknotenpunkt von europäischem Rang.

Auch die elektronischen Medien sind hervorragend vertreten: von Agenturen über große Hauptstadtstudios bis hin zu einer mittelständischen Industrie für technische Dienstleistungen aller Art.

Dennoch spielen für die Berichterstattung Print-Medien noch immer eine prägende Rolle. Für die Taktung der News wie für die Bewertung der Ereignisse ist die Presse führend. In der Stadt selbst ist die Zeitungsdichte eher zu groß als zu gering. Auch der Hörfunk ist in dichter Vielfalt präsent. Hinzu kommen einige gewagte neue Zeitschriften. Auch wenn in unserem föderal organisierten Land, dem nur in den ersten Jahren nach der Vereinigung flugs das Attribut „Berliner Republik“ angeheftet wurde, die Verlags-Mutterhäuser in Hamburg, Frankfurt, Offenburg oder München stehen, liegt Berlin im Zentrum der Medien-Konkurrenz und damit ihrer Dynamik. Spürbar ist dies aktuell an der sprunghaften Entwicklung des Online-Journalismus. Die großen Verlage fürchten nicht länger eine Kannibalisierung ihrer gepflegten Print-Medien; parallel dazu existiert eine bunte Szene von Bloggern, Mediengestaltern, Schreibenden, ja Künstlern der Neuen Medien – und das Wichtigste: Berlin ist in der Internet-Nutzung bundesweit Spitze. Über kurz oder lang wird das Internet mit Texten und Bewegtbildern zum dominanten News-Kanal werden.

Kann Berlin also wunschlos glücklich sein? Keineswegs. Mindestens fehlt so etwas wie eine Berliner „Bunte“ und eine deutsche Variante der „Huffington Post.“ Im der nervösen Zone hektischer täglicher Nachrichtenrotation könnten Pole der Ruhe und des investigativen Tiefgangs, deutsche Pendants etwa zu Seymour Hersh oder Bob Woodward, nicht schaden. Und das Wichtigste: bei aller Hochachtung gegenüber den Hauptstadtstudios und dem im ARD-Verbund eher schwach ausgestatteten RBB – es fehlt ein starker Hauptstadt-Fernsehsender.Und für all das könnte man in der Journalisten- und Medien-Ausbildung nicht nur Vielfalt gebrauchen, die ist vorhanden, sondern konzentriert tatsächliche Exzellenz. An welchem anderen Ort könnte sie besser angesiedelt sein? Bernd Gäbler

Der Autor hat den Medienstandort 2005 und 2007 für das Medienboard Berlin-Brandenburg empirisch untersucht

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