Medien : Die Beilage gehört zum Genuss

Rückkehr der vergnüglichen Supplements: Das „Zeit-Magazin“ ist wieder da

Bernd Gäbler

Aus dem Ressort „Leben“ der „Zeit“ wird das „Zeit-Magazin Leben“. Zur großen Zeitung wird sich – erstmals wieder am 24. Mai – eine illustrierte Beilage gesellen. Wieder einmal kommt die Zukunft als Renaissance daher. Das verspricht Formbewusstsein. Ein paar hübsche Rubriken sind angekündigt; wie viel Gedankenschwere wird Ex-Kanzler und Herausgeber Helmut Schmidt in einer Zigarettenlänge zusammenbringen? Schon das Rauchen beim Denken ist inzwischen ja nonkonformistisch. Monatlich soll Peter Bieri, der für seine populäre Literatur das Pseudonym Pascal Mercier gewählt hat, aufschreiben, wie wir sinnvoll leben können. Auf weitere, über den Titel hinausreichende Anklänge an den bisherigen hinteren, lebendigen Teil der „Zeit“ darf man gespannt sein. Angekündigt ist für das ganze ein „Stern-Format“ – gemeint ist die Größe, nicht die Dicke. Rund sechzig Seiten sollen es werden. „Opulente Optik“ wird versprochen. Mit zehn Seiten Werbung ist zu rechnen. So wird beim Leser die hübsche Illusion geweckt, von nun an bekomme er zusätzlich zur Zeitung gratis noch eine Illustrierte geliefert. Man kann sie auch getrennt auf den Couchtisch legen. Diese Ankündigung der „Zeit“ bedeutet nicht weniger als die generelle Rückkehr der Supplements.

Von der „FAZ“, die sich ihres bunten Magazins 1999 nach neunzehn Jahren ebenso entledigte wie später der Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“, hört man, dass sie bald nachziehen werde. Ob dann auch der legendäre Fragebogen (nach Marcel Proust) wiederkommen wird, in dem Ephraim Kishon einst auf die Frage: „Welche Eigenschaft schätzen sie an einer Frau am meisten?“ ohne Zögern: „Die Hüften“ antwortete? „Bilder und Zeiten“ erscheinen bereits wieder.

Aus der „Süddeutschen“, die zwar unter Mühen am „SZ-Magazin“ festhielt, aber im Zuge einer durchaus allgemeineren Zeitungskrise ihren Teil für Nordrhein-Westfalen verlor und junge Leser verprellte, indem sie im Juli 2002 nach neun Jahren rüde das von Fans geliebte montägliche Magazin „Jetzt“ einstellte, ist Gemurmel, ja konkretes Planen einer Sonntagsausgabe zu vernehmen.

Obwohl in Verleger- und Geschäftsführerkreisen konsensual vom Schrumpfen des Printmarktes gesprochen wird, ist plötzlich wieder Optimismus da. Zeitschriften werden erprobt, die illustrierten Beilagen kommen wieder. Der Leser kann sich freuen und genießen.

Genau das ist ja einer der Vorteile der Supplements. Nicht Neues wird zu Markte getragen, sondern das Etablierte spezifiziert, verschönert, umspielt. Die Zugehörigkeit steht fest. Neben kleinen Miszellen kommt hier wieder zu seinem Recht, was in der Journalistensprache so schön absurd „Lese-Stücke“ heißt. Die Beilage ist eine Weide für Kolumnisten, aber bietet eben auch Platz für große Reportagen und ungewöhnliche Interviews. Das gefällt den Journalisten und erfreut die Lesehungrigen.

Alle Umfragen zeigen, dass Beilagenleser treu sind. Was in der Geschäftssprache Leser-Blatt-Bindung heißt, entsteht hier: Leser werden Fans. Sie haben Lieblingsautoren und erinnern sich an besondere Stücke wie die bewegende Geschichten im „SZ-Magazin“ über die Krebskrankheit einer Kollegin, ein langes Interview mit Michael Schumacher, eine herrlich absurde Dessous-Schau, in der Büstenhalter und Höschen Pferden über die Köpfe gestülpt wurden oder erfreuen sich an Alltäglichem von Axel Hacke. Sogar die dem Verfasser dieser Zeilen inzwischen reichlich auf den Keks gehenden Moral-Antworten des Dr. Dr. Rainer Erlinger sollen regelrechte Anhänger haben.

Die Vorteil des Supplements aber wissen auch jene Verlagsangestellten zu schätzen, die von Journalisten etwas verächtlich „Flanell-Männchen“ genannt werden. Sie können relativ planungssicher schöne Werbung akquirieren. Sie wissen jetzt schon, dass es im SZ-Magazin am 20. Juli um Badereisen gehen wird und am 9. November um Düfte. Ob von „SZ“-, „FAZ“- oder „Zeit-Magazin“ – der Leser ist gebildet und verdient gut. Für Reisen, Schmuck, Autos, Uhren, Weine, ja Möbel und komplette Küchen ist er aufgeschlossen. Und all das ist hochglanz auch schöner anzuschauen als auf Zeitungspapier. Aus heutiger Sicht wirkt es fast ein wenig komisch, wie schnell damals dieses Potenzial brachgelegt wurde.

Leiter der neuen „Zeit“-Beilage ist Christoph Amend, noch jung an Jahren, aber gerade auf diesem Sektor ein erfahrener Macher. Seit 2004 leitet er das Ressort „Leben“ der „Zeit“. Dieses Ressort hat der „Zeit“ gut getan. Zu Beginn gab es einigen Kollegenspott: vorne Gravitas, hinten Hoppsassa, hieß es, oder: wer brav sechs Stunden Staatsbürgerkunde durchhält, bekommt zur Belohnung eine Freistunde, oder: für alte Tanten sei Facelifting nicht unbedingt die beste Behandlungsmethode. Tatsächlich ging von hinten ein Sog in Richtung Lesbarkeit und Aktualität durch das Blatt. Jetzt dürfen wir getrost gespannt sein auf das neue Magazin. Das ursprüngliche Magazin hatte „Zeit“- Gründer Gerd Bucerius 1971 noch höchstselbst eingeführt. Bis 1999 durfte es leben. Für den Erbfolger soll jetzt stark auf der ebenfalls zum Holtzbrinck-Verlag gehörenden Plattform StudiVZ geworben werden. Und gerne darf es wieder einen Sog geben, in dem dann bald auch wieder das „FAZ-Magazin“, „Jetzt“ und ein NRW-Teil der „Süddeutschen“ gedeihen. Die „New Economy“ hätten wir dann erst einmal überstanden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben