Medien : Die Berlusconi-Variante

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Von Vincenzo Delle Donne

Die Ulivo-Opposition spricht von „Säuberungen“ bei der staatlichen Fernsehanstalt RAI und erwägt aus Protest, ihre Vertreter aus dem RAI-Verwaltungsrat abzuziehen. Die Berlusconi- Regierung hingegen möchte dies alles als notwendige Programmänderung verstanden wissen – mit dem Ziel, besser gegen die Konkurrenz der Mediaset-Sender des Ministerpräsidenten gewappnet zu sein. Das Ergebnis ist dasselbe: Die Stimmen der regierungskritischen Journalisten Enzo Biagi und Michele Santoro, deren Sendungen „Il Fatto“ und „Sciusci…“ zu den wenigen verbliebenen Zugpferden der RAI zählen, werden wohl langsam, aber sicher verstummen. Ende Mai haben sich die beiden TV-Journalisten in die langen Sommerferien abgemeldet. RAI-Präsident Antonio Baldassarre und RAI-Generaldirektor Agostino Saccà, zwei Getreue der Berlusconi-Regierung an der Spitze des Senders, stellen unterdessen die Weichen für die im Herbst beginnende Fernsehsaison. „Es gibt kein Problem Biagi, es gibt lediglich das Problem, für ihn einen geeigneten Sendeplatz ab dem kommenden Herbst zu finden“, kommentierte RAI-Präsident Baldassarre. Seine Idee, Biagi solle mit seiner Sendung vom Abend auf 14 Uhr ausweichen, verbindet er mit der Hoffnung, der Journalist werde die Degradierung nicht mitmachen und resignieren.

Gebetsmühlenartig betont Biagi, dass seine Sendung bei 168 Ausgaben 111 Mal die Nummer eins bei den Quoten aller RAI- Sendungen war. Die Sendung „Il Fatto“, die das Nachrichtenthema des Tages kritisch beleuchtet, wird nach den abendlichen TG1- Nachrichten ausgestrahlt. Zu Santoros politischer Marathonsendung „Sciusci…“ sagte Generaldirektor Saccà, das Format sei mittlerweile veraltet, weshalb Veränderungen notwendig seien. Davon, dass bis zu neun Millionen Zuschauer einschalten und Werbekunden Schlange stehen, war keine Rede.

Der Vorwurf der Berlusconi-Regierung an Biagi und Santoro: „Sie haben die staatliche Fernsehanstalt im letzten Wahlkampf missbraucht, um Berlusconi zu schädigen.“ Diese „beschämende Attacke“, so Berlusconi, hätte ihn 16 Punkte auf der Sympathieskala gekostet. Sowohl Biagi, der als Dekan des kritischen Journalismus gilt, als auch der linke Santoro werden zu abschreckenden Feindbildern gestempelt: zu Journalisten, die das Publikum manipulieren und so gegen den Grundsatz einer „objektiven Berichterstattung“ verstoßen würden. Für sie sei kein Platz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Ulivo-Opposition hält dagegen. „Die Anstalt verzichtet so auf wichtige Werbeeinnahmen und gute Einschaltquoten, und das alles im n einer politischen Säuberungsaktion“, kritisierte der Ulivo-Politiker Paolo Gentiloni.

Die permanenten Angriffe auf Biagi und Santoro zeigten bereits Wirkung bei anderen TV-Journalisten. In den Nachrichtensendungen der RAI wird nur noch selten und kritisch nachgefragt. Von Affären, Skandalen oder organisertem Verbrechen ist kaum noch die Rede.

Die RAI-Spitze taktiert zuweilen sehr geschickt, um die politische Einflussnahme zu kaschieren. Personalien werden mit dem Argument versehen, man müsse den Nachwuchs fördern. Deswegen sei es an der Zeit, die Berichterstattung jungen RAI-Journalisten zu übertragen. Als Nachfolger von Biagi oder Santoro ist Mattia Feltri im Gespräch. Dass das junge Talent der Sohn von Vittorio Feltri ist, der sich lange Jahre ideologisch und politisch für Silvio Berlusconi verdingte, wird von der RAI-Führung kaum mehr als eine Randnote erachtet.

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