Medien : Die Berührbare

Ulrike Folkerts ist die beliebteste deutsche Fernsehkommissarin. Zum Glück fehlen ihr noch andere Rollen

Markus Ehrenberg

Der Job, den Ulrike Folkerts an diesem Tag zu leisten hat, hat was von Quälerei. Ein trüber Himmel, kalter Nieselregen, eine alte französische Mietskaserne. Mittendrin die Schauspielerin, die um einen Spielplatz herumläuft, stolpert, in den Dreck fällt. Sich aufrappelt, läuft, wieder stolpert, in den Dreck fällt, das blutige Gesicht im nassen Sand. Vor ihr steht lächelnd ein Mädchen, „Leyla“, die Hauptfigur aus einem neuen „Tatort“, der in Baden-Baden abgedreht wird. Darin spielt Ulrike Folkerts zum 29. Mal die Kommissarin Lena Odenthal. Wenn das nicht so abgegriffen wäre, könnte man diese Bilder wunderbar zusammenschneiden und damit die Karriere einer Schauspielerin dokumentieren, über die man wie bei kaum einer anderen in Deutschland so viel und so wenig zugleich zu wissen glaubt.

Vielleicht muss man ja auch gar nicht alles wissen, um jemanden zu lieben. So wie am 21. November des vergangenen Jahres. Da haben die Zuschauer Ulrike Folkerts mit deutlichem Vorsprung und vollkommen überraschend zur beliebtesten deutschen TV-Kommissarin gewählt. Im vierzehnten Berufsjahr erhielt die Schauspielerin ihre erste Auszeichnung: den Bambi. Das ist zwar nicht der Grimme-Preis, aber auch nicht ganz ohne, wenn man sich die Konkurrenz anschaut: Iris Berben, Hannelore Hoger, Hannelore Elsner. Ulrike Folkerts hatte niemand auf der Rechnung. Die Branche nicht, die „Bunte“ nicht, sie selber schon gar nicht.

Ein paar Wochen nach der Auszeichnung schwingt immer noch viel Stolz mit, wenn die Schauspielerin von dem „Tier“ erzählt. „Für den Bambi hatte die ,Bunte’ elf TV-Kommissarinnen vorgestellt und mich vergessen. Fünf Tage vor der Preisverleihung wurde ich angerufen. Ich sei nominiert. Das war schon ziemlich mysteriös.“ Eigentlich wollte sie zur Gala gar nicht hinfahren. Dann hat sie’s doch getan. Sich hingesetzt, gezweifelt. Ich gewinn ja eh’ nicht. Dann ihren Namen gehört. „Ich war platt.“ Trotzdem. Sie ist erhobenen Hauptes auf die Bühne gegangen und hat gesagt, dass sie das jetzt verdient habe.

Warum auch nicht? So eindeutig, wie die Zuschauer sie mögen, rund sieben Millionen regelmäßig (heute wieder, 20 Uhr 15, ARD), die Kollegen am Set sowieso. „Die Ulrike“ – der Kumpeltyp, eine zum Anfassen. Eine zum Anfassen? Abends, wenige Minuten nach Drehschluss in der Baden-Badener „Trinkhalle“. Man kennt die Folkerts, hat ihr einen Sofaplatz reserviert. Sie will nach vorn an den Bistrotisch, „das passt schon“. Wenn Ulrike Folkerts lächelt, fühlt man sich unwillkürlich wohl. Blaue Strickjacke, buntes T-Shirt, schlanke Beine in Blue Jeans, braune Augen in einem offenen Gesicht, eingerahmt von schwarzer Kurzhaarfrisur, die vom Regen leicht verwuschelt ist. Mit so jemandem möchte man spontan joggen gehen, nebenan im Schwarzwald. Aber jetzt geht es erst mal um die öffentliche Person, um Liebe, die vom Publikum und die von den Medien, um Tabus, Image und Erwartungshaltungen, kurz, darüber, wie es ist, Ulrike Folkerts zu sein.

Oder sollte man besser nach Lena Odenthal fragen? Das Publikum hat ja so entschieden. Die Ermittlerin des Südwestrundfunks (SWR) wird von Ulrike Folkerts so intensiv, so authentisch verkörpert wie kaum eine zweite Fernsehfigur in Deutschland. Das konnte vor 14 Jahren niemand ahnen. Schimanski war gerade in. Ruppig, körperbetont. Odenthal wurde der weibliche Gegenentwurf. Folkerts spielte sich in die Rolle hinein. Von einem Dutzend weiterer Filme mit ihr ist wenig im Gedächtnis geblieben, außer vielleicht die als fiese Emanze im Kinofilm „Nur über meine Leiche“ (1995). Um so mehr der „Tatort“, Lena Odenthal. Immer wieder die Odenthal. Ein klares Profil. Attraktiv, uneitel, direkt, beharrlich, zäh bis zum Abwinken, wenn es um ihre Überzeugungen geht.

Die Schauspielerin streicht sich die nassen Haare aus der Stirn, rührt im Latte Macchiato. „Klar, mit der Odenthal habe ich schon viel gemein. Aber eigentlich hätte ich gerne mehr von der Figur, mehr Kraft, die Fähigkeit, nicht so schnell aufzugeben.“ Und andererseits hätte sie nichts dagegen, wenn mal geschrieben stünde, die Folkerts sei anhänglich, klein und schwach, romantisch und verträumt.

In der Schauspielschule Hannover sei sie still und schüchtern gewesen. Vielleicht liegt das an der kleinbürgerlichen Herkunft: 1961 in Kassel geboren, zwei Geschwister, Tochter eines Schaufensterdekorateurs und einer Avon-Beraterin, Studium der Theater- und Musikwissenschaften, erstes festes Engagement am Staatstheater Oldenburg, wo sie 1989 vom „Tatort“-Casting erfuhr. Das klingt alles ziemlich geradlinig, keine besonderen Vorkommnisse, schon auch im Reinen mit sich selber. „Meine Mutter findet, dass ich ein glücklicher Mensch geworden bin.“ Dennoch habe sie manchmal das Gefühl, nicht genug Selbstvertrauen zu haben, zu viel mit sich herumzuschleppen. Und dann kommt diese Ehrung, ihre erste, der Bambi, wo sie erfahren hat, das gehe alles sehr wohl. „Der Preis hat mir einfach gut getan, weil mir das Publikum signalisiert hat: Ulrike, wir schätzen deine Arbeit. Ob Rock oder Hose, uns ist egal, wie du lebst.“

Eigentlich ist das bei den meisten Schauspielern egal. Bei der Folkerts nicht. Die Schauspielerin ist lesbisch. Das ist spätestens seit 1999 kein Geheimnis mehr, als „Bild“ eine Outing-Geschichte daraus machte, Fotografen vor ihr Berliner Haus stellte, um Fotos von der Freundin abzuschießen. Eine zum Anfassen? So war das nicht gemeint. Die Schlagzeile war schnell und griffig: „Vorzeige-Lesbe“. Ganz unbeteiligt war Ulrike Folkerts daran nicht. „Ich bekam ein bestimmtes Image, habe das auch gepflegt.“ Dass sie beim Christopher Street Day oder bei den Gay Games in Sydney teilnimmt, wo sie eine Silbermedaille im Schwimmen gewonnen hat, ist bekannt. Darauf reduziert zu werden, das nervt.

Das geht Elsner, Berben & Co nicht so. Ob der Bambi daran etwas ändert? Die Drehbücher stapeln sich nicht gerade in Ulrike Folkerts neuer Wohnung im Tiergarten. Wieder fährt sie sich durch die Haare, ein heikler Punkt. Es gebe wenig Menschen des öffentlichen Lebens, die offen zu ihrer Homosexualität stehen und Konsequenzen in Kauf nehmen, gerade im Schauspielgeschäft. „Ich habe den Eindruck, dass die Branche ein Problem mit Homosexuellen hat. Deren Fantasie hört auf, wenn eine Hetero-Liebesgeschichte erzählt wird. Die kommen nicht auf mich.“ Ihr Haussender SWR könnte ihr ja mal andere Rollen auf den Leib schreiben. So wie sie Maren Kroymann als Ehefrau in „Oh Gott, Herr Pfarrer“ spielt. Doch was bringt’s? Darüber nachzudenken, lohnt sich nicht. „Da kann ich mich gleich hintenüber fallen lassen.“

Vielleicht hat sie ein Imageproblem. Hannelore Elsner? Die Unberührbare, Wandelbare. Iris Berben? Ihr Einsatz für Toleranz, gegen Rassismus. Und Ulrike Folkerts? Da sind die blöden, ungesteuerten Geschichten aus der Boulevardpresse und jetzt der Publikumsliebling: als Lena Odenthal. Eine Figur, die die Folkerts gar nicht allzu sehr sein darf, wenn schauspielerisch mal etwas anderes von ihr vermittelt werden soll. „Ich bin keine gute Rhetorikerin, agiere aus dem Bauch heraus. Vielleicht bräuchte ich einen Berater, kann schon sein.“ Der müsste ihr für den 15. Februar einen Rat geben. Dann soll sie bei einer Demo in Berlin eine Anti-Bush-Rede halten. Sie überlegt sich genau, ob sie da hin geht, und was dann darüber geschrieben stünde.

Am besten gar nicht überlegen. Handeln. „Mich juckt’s in den Fingern, nach dem Bambi einen drauf zu setzen. Es gibt jetzt ein Publikum, das mich sehen will. Entweder man nutzt das, oder man lässt mich fallen. Ich sorge dafür, dass man es nutzt.“ Ein letzter Griff, die Haare aus der Stirn. Im nächsten Jahr will sie Theater spielen: Ibsens „Hedda Gabler“. Auch eine starke Frauenfigur mit Widersprüchen und Rollenverhalten. Wirklich befreit hat die sich nicht. Das muss kein schlechtes Omen sein.

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