Die Börse und das Fernsehen : Krise als TV-Programm

Selbst „Schmidt & Pocher“ lassen die Kurse purzeln, die relevanten Informationen gibt es an anderer Stelle

Andreas Oswald

Die krachenden Börsen beherrschen die TV-Kanäle wie nie zuvor. Fristeten Börsenthemen im Fernsehen zuletzt eher ein Nischendasein, kommt heute fast keine aktuelle Sendung ohne das Chaos an den Weltmärkten aus. Alle Shows sind voll davon, ob Will, Illner, Kerner, Maischberger, Plasberg, auch die Nachrichtensendungen kennen kaum noch ein anderes Thema. Sogar die Entertainer Stefan Raab, Harald Schmidt und Oliver Pocher nähern sich der Materie auf ihre Art. Letztere gänzlich wissensfrei, erklärten sie doch ausgerechnet Finanzderivate für sicher und das hochspekulative Gold gar für „bombensicher“. War wohl nur mal wieder so ein Gag. Zum Lachen ist den Zuschauern bei diesem Thema wohl eher nicht. Die Flut an Börsenthemen hat wohl vor allem damit zu tun, dass sich viele Menschen ernsthafte Sorgen machen, ob ihre Rente und ihr Erspartes sicher sind. Und ob sie jemals etwas von den undurchsichtigen Anlagen wiedersehen, die ihnen Banken angedreht haben und deren Risiken sie nicht abschätzen konnten. Es sind die Gefühle, die Angst, die Unsicherheit, aber auch die aufkeimende Empörung, die die Zuschauer bannt und die das Medium Fernsehen sehr gut anspricht.

Die vielen verwirrenden Informationen und Zusammenhänge werden in den Sendungen nicht unbedingt klarer. Aber gerade die Vielstimmigkeit und die Undurchsichtigkeit vieler Argumente gibt ein Bild ab, das die Ratlosigkeit des Zuschauers ziemlich genau abbilden dürfte. Dass viele Experten keinen überzeugenden Eindruck machen, wirkt in gewisser Weise beruhigend, weiß der schließlich auch nicht mehr, als man selbst. Interessant ist, wie Vertreter der neoliberalen Richtung, die in den letzten Jahren in den Talkshows nicht müde wurden, dem Volk Wasser zu predigen und eine Politik der Deregulierung verlangten, die den Banken und Unternehmen dient, jetzt die alte rot-grüne Regierung dafür schelten, dass die damals diesen Forderungen nachgekommen ist. Nach jedem Crash kommen Schuldzuweisungen. Es wird interessant sein, in welche Richtung sich das in den Fernsehdiskussionen entwickeln wird.

Die gute alte Börsensendung, sie erlebt derzeit ihre Sternstunde. „Börse im Ersten“ ist mit das Kompetenteste, was das Fernsehen zum Thema zu bieten hat. Wenn die manchmal etwas elfenhafte Anja Kohl in einem konsistenten Vortrag erklärt, warum Gold, das derzeit so viele Ängstliche kaufen, keine sichere Anlage ist, dann glaubt man ihr das. Anja Kohl ist sowieso ein Star. Wenn sie den Crash beschreibt, wirkt sie ein bisschen ängstlich. Nicht weil sie Aktien hat, die verlieren, das hat sie wahrscheinlich nicht, nein, ihre Ängstlichkeit wirkt so, als ob sie Angst hat, die schlechte Nachricht überbringen zu müssen. Elfen überbringen eigentlich keine schlechten Nachrichten.

Der zweite Star des deutschen Börsenfernsehens ist Katja Dofel von n-tv. Die telegene Börsenreporterin strahlt einen charmanten Ernst aus, der manchen Aktienverlust vergessen lässt. Ihre Kompetenz ist außergewöhnlich. Ihr Erzählstil und ihre Nähe zu den Händlern lassen den Zuschauer nachvollziehen, was die Börse bewegt. Wie überhaupt n-tv von morgens bis abends den Zuschauer auf dem Laufenden hält. Experten, die vorgeben, sie könnten die Entwicklung vorhersehen, sollten dagegen mit Vorsicht genossen werden. Niemand kann in die Zukunft sehen. Aber wahrscheinlich wollen viele Zuschauer gerne Prognosen hören.

Wer eine richtige Temperamentsfurie sehen will, der schaltet abends zu CNN. Dort hat zwischendurch Becky Anderson vom Finanzplatz London ihre große Stunde. Die Frau ist ein Hammer. Innerlich vor Energie platzend, ihre Erregung nur mühsam bändigend, nimmt sie die Finanzmärkte der Welt in den Zangengriff. Ihre sprühenden und lachenden Augen lassen die Zuschauer nicht mehr los. Selbst wenn die Börsen irgendwann wieder einmal langweilig werden sollten, mit Becky Anderson ist Börse immer ein Höhepunkt. Andreas Oswald

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