Medien : Die drei ???

„Anne Will“, „Schmidt & Pocher“, „Hart, aber fair“: Die neuen ARD-Formate suchen noch ihr Profil

Joachim Huber

Es sollte der Herbst der ARD werden: Am 25. September startete „Anne Will“, „Hart, aber fair“ mit Frank Plasberg am 24. Oktober, „Schmidt & Pocher“ einen Tag drauf. Drei Sendungen, drei Erwartungshaltungen, drei Rezensionen.

ZWEI ABGÄNGE, DREI PERSONALIEN

Anne Will kam, sah, sendete. Mit großer Entschlossenheit, mit sichtbarem Drang zur Perfektion, stabiler Drei- bis Viermillionenquote. Die Talkshow gehört zum ARD-Sonntagabend, als hätte es „Sabine Christiansen“ zuvor nie gegeben. Das zeigt, dass der Wechsel fällig und Anne Will die richtige Wahl war. „Anne Will“, die Moderatorin und die Sendung, sie sind nicht auf Spekulation und Sensation aus, selbst wenn mal eben der Tarifkonflikt bei der Bahn gelöst werden sollte. Talkmasterin Will agiert wie eine Moderatorin und ist damit näher dran am ernsthaften Ton ihres „Tagesthemen“-Stils denn an der Konkurrenz aus der Krachmacherstraße. Wobei, was verschafft dem Talk überhaupt noch Aufmerksamkeit? Zwei Abgänge – Eva Herman bei „Kerner“ und Joachim Bublath bei „Maischberger“ – und drei Personalien: Frank Plasberg hat seine Frau für ARD-Kollegin Anne Gesthuysen verlassen, Maybrit Illner hat sich von ihrem Mann getrennt und ist dafür mit Telekom-Chef René Obermann liiert, Anne Will hat sich zu ihrer Lebensgefährtin Miriam Meckel bekannt. Damit ist der aktuelle Zustand des Talkgenres hinreichend beschrieben. Nicht die Sendungen machen Furore, sondern die Protagonisten. Das stützt die These, wie sehr sich das Format in den Fernsehalltag eingepasst hat. Eine Talkshow ist eine Talkshow und nicht mehr als eine Talkshow.

„Anne Will“ ist ein bisschen langweilig. Die Themen sind die Themen, die am Wochenrand liegen und von den vergleichbaren Formaten noch nicht traktiert wurden. Die 60 Minuten kommen als langer und sehr ruhiger Fluss daher. Die Normalmenschen auf der „Betroffenheitscouch“ sind konzentriert und ernsthaft, sediert wirken sie wie die Experten und Politiker im Studiostadion. Die Moderatorin hört zu, stellt die passenden Fragen und bekommt die passgenauen Antworten. Keiner ist versucht (noch wird er versucht), mit steilen Thesen die Runde in schnelle Fahrt zu bringen. „Anne Will“ hat die politische Talkshow Richtung Benimmkurs entschleunigt. In dieser Ruhe will sich keine Kraft entfalten. Joachim Huber

AUWEIA, DIE NAZIS

Zum Bürokaffee am Morgen Harald-Schmidt-Gags vom Vorabend – das ist lange vorbei. Woran liegt das? Warum ist Deutschlands klügster Entertainer so langweilig geworden? Und warum macht das Schmidt selbst offenbar immer weniger aus? Diese Leck-mich-am-A…-Haltung ist schon frappant. Sie wurde durch die Verjüngungskur mit dem bösen Privatsenderbuben Oliver Pocher noch befördert. Schmidt und Pocher sollen eine Stunde vollkriegen, jeden Donnerstag. Na ja, fast jeden. Zum Eingewöhnen an neue Formate gehört regelmäßiges Erscheinen. Zwischendrin hatte „Schmidt & Pocher“ aber schon mal drei Wochen Pause, was nicht nur Neiddebatten beim gebührenfinanzierten Sender nährt, sondern die Frage aufwirft, was ARD-Programmdirektor Günter Struve mit dem Comedy-Tandem eigentlich bezweckt. Schmidt als Gelegenheitsmoderator beim Bambi kann es nicht sein. Andererseits: Vielleicht ist das ja Schmidts Zukunft. Laut Umfrage finden 39 Prozent die neue Late-Night-Variante mit Pocher schlechter als Schmidt solo. Wenn überhaupt jemand zuschaut. Am Donnerstag startete die Show kurz vor Mitternacht. 0,89 Millionen Zuschauer, 9,4 Prozent Marktanteil. Indiskutabel. 1,3 Millionen die Woche zuvor. Auch keine Offenbarung. Genauso wenig wie das Konzept. Zum Stand-up am Anfang ein nervöser Pocher, Gestik und Duktus sind Schmidt entlehnt. Dann setzen sich die zwei an den Tisch und blödeln 30 Minuten aneinander vorbei. Über Olli Kahn, Oettinger, Rundfunkräte, Paris Hilton und, auweia, die Nazis. Okay, zwei, drei Lacher sind drin. Man gibt sich unerschrocken. Schmidt irgendwo zwischen Mephisto und Norbert Blüm, Pocher als ungelehriger Schüler. Zum Ende die müde „Hirschhausen-Akademie“ und durchaus spannende Gäste wie Günther Jauch oder Anke Engelke, die sich von Pocher beleidigen lassen, wenn mal miteinander geredet wird. Schönster Satz von Olli Dittrich neulich: „Was ist denn das für eine Sendung geworden?“ Markus Ehrenberg

EHER FAIR, SELTEN HART

Sein Credo ist klar: Hier steh’ ich, Frank Plasberg, und ich bin einer von euch. Die Gäste des Mittwochstalks „Hart, aber fair“ sitzen wie aufgereiht im Halbrund, Plasberg steht wie ein Fels am Pult – immer mit direktem Blickkontakt zum Zuschauer. Das Hemd mal hellblau-weiß gestreift, mal blassrosa, der oberste Knopf stets offen, so wahrt Plasberg Distanz zu den Gästen und zeigt Nähe zum Publikum vor und hinter der Mattscheibe. Doch nicht nur dieses Muster wird peinlich genau eingehalten. „Hart, aber fair“ leidet darunter, dass – komme, was wolle – nach zehn Minuten ein Einspielfilm fällig ist und spätestens in der 58. Minute der Zuschauer das Wort haben muss und unterbricht. Und wann immer es passen könnte, wird das Thema mit Statistiken und Hintergrundinfos unterfüttert oder zuweilen überfrachtet. In einem Interview hatte Plasberg seiner Moderatorenkollegin Maybrit Illner ans Herz gelegt, auf die Einspielfilme zu verzichten. Der Tipp ist so falsch nicht.

An Plasbergs Sendung stimmt viel, aber längst nicht alles. Seinen Platz im Reigen der öffentlich-rechtlichen TV- Talker hatte er lange vor seinem Wechsel in die ARD gefunden. Er wurde dafür geschätzt und gewürdigt. Im Ersten angekommen ist der „Hart, aber fair“-Moderator allerdings eher fair, selten wirklich hart. An der Rolle des Inquisitors ist Plasberg bei der ARD-Premiere mit Peer Steinbrück gescheitert. Zum Glück, könnte man sagen, denn mit seinen einfühlsamen Fragen kommt Plasberg viel weiter, auch im Sinne des Themas. Überhaupt die Themen: Ein Sendungstitel wie „Müntefering weg, Reformen ade – wird jetzt durchgewurschtelt bis zur Wahl?“ verdient mindestens drei Fragezeichen. Das hat offensichtlich auch die Redaktion so gesehen. Der Titel „Öko-Streber Deutschland: Wenn Joghurtbecherspüler Ernst machen!“ klingt schon viel einladender. Eine Frage bleibt beim Zuschauer weiter hängen. Wie lange will Frank Plasberg eigentlich noch damit hadern, dass er bei der Wahl zur Christiansen-Nachfolge Anne Will unterlag? So schlecht wie von ihm befürchtet sind die Quoten ganz und gar nicht. Zum Start sahen fast 3,5 Millionen Zuschauer zu, auch an diesem Mittwoch waren es wieder so viele. Nun muss Plasberg nur noch sich selbst wieder so nahekommen, wie er es seinem Publikum längst ist. Kurt Sagatz

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