Medien : Die Entdeckung der Ausführlichkeit

Der Arte-Themenabend, Markenzeichen des deutsch-französischen Senders, läuft heute zum 2000. Mal

Simone Schellhammer

Arte hat eine namhafte deutsch-französische Gratulantenliste zusammengetragen: „Mit Arte-Themenabenden“, sagt der Schauspieler Michel Piccoli zum Beispiel, „lernen und reisen wir sehr intelligent und elegant.“ Der Filmregisseurs Fatih Akin lobt sogar: Themenabende auf Arte seien „das einzig Vernünftige, was es überhaupt im Fernsehen gibt“.

Heute ist der 2000. Themenabend zu sehen. Seit den ersten Sendetagen im Jahr 1992 zeigt der deutsch-französische Sender sie dreimal in der Woche und hat damit ein Markenzeichen geschaffen, das inzwischen auch von der kommerziellen Konkurrenz kopiert wird. „Vielleicht hätte man damals den Begriff ,Themenabend’ schützen sollen“, sagt Olaf Grunert, seit einem halben Jahr Redaktionsleiter der Themenabende. „Doch der rechtliche Aspekt ging in dem ganzen Trubel unter. Aber im Grunde ist es ja ein gutes Zeichen, wenn man kopiert wird, denn nur gute Sachen werden nachgemacht.“

Die Idee des monothematischen Langstreckenfluges ist allerdings schon älter als Arte. Sie entstand beim ZDF, in der Redaktion „Das Kleine Fernsehspiel“, das seinerzeit von dem legendären Eckart Stein geleitet wurde. Die ersten „Titeltage“, wie die Programmform damals hieß, waren auf 3sat zu sehen und dauerten bis zu 15 Stunden. Nach der Gründung von Arte war es dann wieder Eckart Stein, der dort zusammen mit Hans Robert Eisenhauer und einigen Kollegen aus der ARD und von La Sept, dem französischen Partner, die drei- bis vierstündigen Themenabende entwickelte. Der allererste drehte sich um Sankt Petersburg. Es folgten Abende über Delfine, Kühe und Schweine, Marlene Dietrich, Orson Welles und Ingmar Bergman, über Wodka, Haute Couture und das Glück auf dem Campingplatz.

Anfänglich herrschte große Skepsis über das mittlerweile so erfolgreiche Fernseh-Experiment. Zu elitär, zu lang und zu anstrengend schienen die Themenabende manchem. Und sicher sind nicht alle Produktionen so herausragend wie etwa „Chavez – Ein Staatsstreich von innen“, der 22 Preise bekam, oder der Themenabend zum 11. September 2001 mit der Dokumentation „Gesichter ohne Stimmen“, der über Opfer berichtete, die illegal in den USA lebten. Manches Mal wird auch einfach „mit Wiederholungen durchaus kreativ“ umgegangen – wie Arte-Programmchef Christoph Hauser es formuliert – wenn etwa ein alter Spielfilm zu Ehren eines Schauspieler-Geburtstages gezeigt wird, ohne dass das dazugehörige Film-Porträt neu wäre. Sehr viel aufwändiger sind hingegen Produktionen wie zum Beispiel im letzten Sommer das Drei-Millionen-Projekt „Die Helden von Olympia“, bei dem Sportler zehn Tage lang die antiken Spiele nachstellten.

Das Sendeschema sieht dabei so aus, dass sonntags populäre Familienthemen ihren Platz finden, dienstags aktuelles Zeitgeschehen aufgearbeitet wird und freitags Kultur. Dabei hat der vierstündige Themenabend am Sonntag mit 1,1 Prozent Marktanteil meist die beste Quote. Ansonsten liegt der durchschnittliche Marktanteil der Arte-Sendungen in Deutschland seit Jahresbeginn bei 0,7 Prozent. In Frankreich hingegen, wo Arte fast überall über Antenne empfangbar ist und es weit weniger Konkurrenz gibt, hat der Sender derzeit einen Marktanteil von 3,7 Prozent.

Nachdem Abende über den Eiffelturm, Johann Wolfgang von Goethe und die Rolling Stones die bisherigen Themenabend-Jubiläen markierten, stehen diesmal drei Filme über den XIV. Dalai Lama auf dem Spielplan, der am 6. Juli 70 Jahre alt wird. Im Gegensatz zu Arte wird er seinen Geburtstag allerdings nicht feiern, da es diesen Brauch in Tibet nicht gibt. Dort werden alle Menschen einfach an Neujahr ein Jahr älter. Die Geschichte des Dalai Lama, der vom kleinen Bauernjungen zum Oberhaupt seines Volkes und zum Friedensnobelpreisträger werden sollte, erzählt Martin Scorseses farbenprächtiger Spielfilm „Kundun“ von 1997 (20 Uhr 40). Die Darsteller sind Tibeter, die in Indien, Kanada und den USA leben. Keiner von ihnen ist hauptberuflicher Schauspieler, doch etliche sind Mitglieder der weitreichenden Familie des Dalai Lama und spielen daher einen Teil ihrer persönlichen Geschichte von Vertreibung und Leben im Exil.

Anschließend zeigt Arte zum ersten Mal die Dokumentation „Ein Leben für Tibet – der XIV. Dalai Lama“ (22 Uhr 55) von Albert Knechtel und Thea Mohr. Die Filmemacher dieser Koproduktion von Frankreich, Finnland und Deutschland sprechen mit ihm über sein Leben und seinen Glauben und begleiten den Popstar des Buddhismus auf zahlreichen Reisen in den Westen. Sie führen Interviews mit Völkerrechtsexperten und Zeitzeugen wie dem jüngeren Bruder des Dalai Lama, dem Bergsteiger Heinrich Harrer und dem Schauspieler Richard Gere. Immer wieder verblüfft der große Religionsführer im Gespräch mit seinem kindlichen, fast albernen Lachen. Dabei mischen sich kleine Anekdoten und große Weltereignisse, was es manchmal schwierig macht, die Rolle Chinas in der tragischen Geschichte der Tibeter richtig einzuschätzen. Wenn der Dalai Lama etwa von seinem Zusammentreffen mit Mao schwärmt und kurz darauf im Film von Vergewaltigungen durch chinesische Soldaten die Rede ist und Hinrichtungen aus China gezeigt werden.

Den Abschluss dieses Themenabends bildet die Erstausstrahlung von Werner Herzogs Dokumentarfilm „Rad der Zeit“ (0 Uhr 25), der einen tiefen Einblick in eines der wichtigsten buddhistischen Rituale – die Kalachakra-Initiation – gibt. Neben Gebeten und philosophischen Debatten ist das zentrale Ereignis dabei die Herstellung eines Sandmandalas, bei dem acht Mönche über mehrere Tage aus farbigem Sand ein inneres Bild, das „Rad der Zeit“, herstellen, das am Ende vom Dalai Lama dem Fluss übergeben wird, als Opfergabe für den Weltfrieden. Gedreht wurde in Bodh Gaya, einem wichtigen indischen Pilgerort, am Berg Kailash in Tibet, und im österreichischen Graz. Der Regisseur filmte dabei teilweise selbst mit einer kleinen Digitalkamera, um das Drehverbot der chinesischen Behörden in Tibet zu umgehen. Auf diese Weise entstand ein sehr intimes Dokument, das ganz nahe an den Menschen bleibt und die Intensität der Ereignisse beeindruckend widerspiegelt.

Themenabend: „Im Namen Buddhas - Der XIV. Dalai Lama“, Arte 20 Uhr 40

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