Medien : Die Enttäuschten

Bei „Anne Will“ reden Ex-Fans über zu Guttenberg. Nur eine Bäckersfrau vertraut ihm bis heute.

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Skeptisch. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz und Michael Glos (CSU). Foto: ARD
Skeptisch. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz und Michael Glos (CSU). Foto: ARDFoto: NDR/Wolfgang Borrs

Während da draußen im Herbst ein brauner Sumpf auftaucht, der Iran nukleare Ambitionen verfolgt und Europas Banken einander nicht trauen, geht es drinnen bei „Anne Will“ um Karl-Theodor zu Guttenberg. Es gäbe realere, relevantere Themen.  Aber, nun gut, Guttenberg. Kaum hatte sich der akademisch entgleiste Baron nach Übersee abgesetzt, da zeigte er sich schon wieder hier und da. Jetzt stand er, für ein Interviewbuch, dem Chefredakteur der „Zeit“ und Herausgeber des Tagesspiegels Giovanni di Lorenzo Rede und Antwort, blieb dabei teils vage und wurde teils wagemutig. Und schon geistert der amtlose Exilant als Phantom durch die öffentliche Debatte. „Es drängt ihn“, kündigte die ARD an, „zurück ins Rampenlicht.“

Was drängt ihn? Wir drängen ihn. „Wir alle haben diese Kunstfigur geschaffen“, analysiert der Publizist Michael Spreng, „einen Popstar“. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz pflichtet ihm bei. Angesichts der Dürre in der politischen Landschaft sei vielen ein Charismatiker wie Guttenberg als Lichtgestalt erschienen. Fast alle sind sich einig, dass sie ihn einst auch hochgelobt hatten, und nun enttäuscht seien. Bei Hans-Ulrich Jörges, Chefredakteur des „Stern“, ist die Bitterkeit am deutlichsten, KT habe „nichts gelernt“, schilt er, er wolle „die CSU erpressen“, sein mediales Comeback sei zu früh passiert, mit zu wenig Reue und Anstand. Michael Glos, die Stimme der CSU in der Runde, erinnerte mit einiger Wehmut, wie er Karl-Theodor als Nachwuchspolitiker rekrutiert hatte. Guttenberg habe seine Rolle brillant gemeistert. 

Viel mehr Material, als die Erinnerung an sein Plagiat und an einige der Eskapaden Guttenbergs als Politiker, hatte man nun nicht zur Verfügung, denn der Mann hat in der Vergangenheit mehr Eindruck hinterlassen als Werk und ist in der Gegenwart nur medial präsent. Also spekulierte man über die Zukunft, das mögliche Comeback des politischen „Jongleurs“ (Spreng), fast so,  als handle es sich um Napoleon, der von Elba aus der Verbannung naht, und nicht um einen noch recht jungen Mann, der fortgerannt ist, weil man herausfand, dass er eine Doktorarbeit abgeschrieben hatte.

Karl Theodors treueste Zeugin bei „Anne Will“, Monika Müller, Verkäuferin einer Bäckerei im Ort Guttenberg, vertraut in ihn. Sie „braucht“ ihn, sie meint auch, dass er niemals die CSU verlassen und eine neue Partei gründen wird. Das hofft auch Michael Glos von der CSU, wiegt bedächtig den Kopf und lenkt ein: „Er büßt ja.“ Nicht so sicher sind sich Jörges, Bolz und Spreng, was das Büßen betrifft, was die neue Partei betrifft. Rechts von der sozialdemokratisierten Union klaffe doch ein Vakuum,  Guttenberg sei zuzutrauen, dass er auf diese rechte Mitte ein Auge werfe. Ein populistisches Auge. Im konservativen Milieu, fanden die drei, da könnte was gehen. Da sei jetzt Platz. Caroline Fetscher

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