Medien : Die Ersatzreligion

„Das Spiel ohne Ball“: Der Regisseur Alfred Behrens verknüpft sein Leben mit seiner Liebe zum Fußball

Stefan Schweiger

„Nichts ist schöner als Fußball – es sei denn, die Erinnerung an den Fußball“, sagt der Filmregisseur Alfred Behrens. Er liebt den Fußball. Und die Erinnerung daran lässt Behrens immer an seinen früh verstorbenen Bruder Arno denken. Der 15 Jahre ältere Bruder, der ihn mitgenommen hat, damals, zu den Heimspielen des FC Altona 93, der ihn zum Kicken in den Park mitgenommen hat. Aber wieweit es mit dem Geschäft um den Fußball einmal kommen würde, das hat Arno nicht mehr erlebt.

Behrens erzählt seinem Bruder in einem sehr persönlichen „Filmbrief“, wie es soweit kam, dass Altona in die Viertklassigkeit abrutschte oder der Chelsea FC von einem russischen Ölmilliardär gekauft wurde. Wie Fußball zur „Ersatzreligion“ wurde.

Der Autor reist für „Das Spiel ohne Ball“ mit seiner Handkamera nach Hamburg, Berlin und nach London – auf der Suche nach dem Fußball und nach seiner Vergangenheit. Wo Behrens gelebt hat, war auch Fußball. Als Kind beim FC Altona, als junger Student im West-Berlin der 60er Jahre, später im wilden London. Er kehrt zurück zu den Stationen seines Lebens. Stationen, die auch für die Entwicklung des Fußballs stehen.

Und so schnell sich der Fußball zum Spiel um Millionen entwickelt hat, so viel Zeit hat Behrens für seine Bilder. Es ist eine langsame, emotionale Reise, kommentiert von Behrens wie ein Brief. Ruhe, gerade in einem so hektischen Betrieb wie dem großen Fußballgeschäft von heute. Es geht um die bescheidenen Ziele eines Traditionsvereins – der Aufstieg aus der Amateurliga. Und um große Champions-League-Ambitionen des Bundesligisten Herha BSC – die im Abstiegskampf enden. Während es auf der einen Seite um viel Geld geht, geht es beim Fan um Emotionen.

Immer wieder unterbrochen wird der Film von derselben Filmsequenz, Wembley 1972, Günther Netzer dribbelt einmal über das gesamte Spielfeld, vorbei an machtlosen englischen Spielern, der Pass zu Beckenbauer. Immer wieder in Schleife, große Momente des Fußballs. Netzer war das Vorbild von Behrens, Beckenbauer der Held seines Bruders Arno. Wer hätte damals gedacht, dass aus den beiden Spielern einmal Manager werden, die mit dem Geschäft um den Fußball Millionen verdienen?

Dazu immer wieder die Musik: Fußballgucken mit lauter Musik statt mit Fernsehkommentar sei sowieso viel besser, sagten Behrens Mitbewohner in London: Und so dröhnen Janis Joplin und Jimi Hendrix´ Gitarre zu den Bildern, dann Melancholie mit Keith Jarretts Köln Concert. Dazu die schönen Bilder: Bilder, die den Zuschauer zum Schmunzeln bringen und erinnern lassen an Momente, die mit dem Fußball verbunden sind – „damals, 1972 in Wembley“. Bilder, die einen nachvollziehen lassen, worum es bei der Begeisterung um den Fußball geht: „The importance of football is that it´s not important.“

„Was aus dem Fußball einmal wird, Arno, das hätte ich dir nicht geglaubt vor dreißig Jahren“, sagt Behrens am Ende noch zu seinem Bruder. Dass aus Behrens einmal ein Filmemacher wird, der zwei Grimme-Preise gewinnt und mit „Das Spiel ohne Ball“ einen Film macht, der in seiner Schlichtheit so berührt und einen völlig anderen Zugang zu einem so omnipräsenten Thema liefert, hätte Arno bestimmt auch nicht für möglich gehalten. „Ich werde dich auf dem Laufenden halten, Arno“, sagt Behrens zum Schluss.

„Das Spiel ohne Ball“, 3Sat, 21 Uhr 15

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