Medien : Die Falschheit des Weibes

Warum Maybrit Illner nach 200 Ausgaben „Berlin Mitte“ nicht aufhören darf

Kerstin Decker

Es gibt Menschen, mit denen kann man sich am Donnerstagabend nicht verabreden. Ich muss fernsehen, ist natürlich die letzte aller vortragbaren Ausreden, deshalb war es so schwer rauszukriegen, wer den Donnerstagabend blockiert. Maybrit Illner! Sogar die Halb- oder Dreiviertel-Politikverdrossenen, hört man, gucken „Berlin Mitte“. Die anderen sowieso. Vor allem Männer.

Manche sehen Maybrit Illner noch lieber als Sabine Christiansen. Vielleicht liegt das daran, wie sie zuhört. Sabine Christiansen hört mit einer ätherischen Nirvana-Miene zu, Maybrit Illner sieht schon kreuzgefährlich aus, wenn sie noch gar nichts sagt. Und danach ist sie es. Illner hört auch nicht ganz so lange zu wie Christiansen. Man müsste das mal nachmessen. Heute Abend vielleicht. Heute Abend gibt es zum zweihundertsten Mal „Berlin Mitte“. Genau zwei Tage lang musste die ZDF-Morgenfrau Maybrit Illner 1999 nachdenken, ob sie wirklich will, was Intendant und Chefredakteur ihr antrugen. Eine ganz neue Polit-Talkshow moderieren. Natürlich hatte das Vorteile. Zum Beispiel würde sie nie mehr morgens um halb drei aufstehen müssen wie sonst immer als „Morgenmagazin“-Moderatorin. Sie würde auch nicht mehr mit den Kindern um halb sieben Uhr schlafen gehen. Doch welche Kinder gehen schon um halb sieben schlafen? Und wenn sie abends jemand ins Theater einlädt, würde sie nicht mehr darüber nachdenken müssen, ob das nun eine besonders subtile Gemeinheit war. Aber wahrscheinlich hat sie einfach deshalb ja gesagt, weil es unmöglich war, nein zu sagen. Gerade setzte sich in den Sendern die Auffassung durch, die ernsthaften Dinge des Lebens (wie Politik) besser den Frauen zu überlassen. Und sie, Maybrit Illner, konnte dabei sein.

Man hat den Erfolg der Polit-Talk- Frauen damit erklärt, dass Frauen besser zuhören. Männer können sowieso nur einparken. Aber hat man das nicht schon immer gewusst? Auch kann das keiner im Ernst behaupten. Wie Beckmann zum Beispiel zuhört! Wenn jemals einer das platonische Stand- oder Sitzbild eines Zuhörers schafft, es wird ein Beckmann-Porträt. Überhaupt haben Männer die einzigen Felder besetzt, auf denen man Frauen bis eben unbeschränkte Kompetenz zusprach: Klatsch und Tratsch. Sorry, Kerner und Beckmann, es war nur wegen des Kontrastes. Also gehobener Klatsch und Tratsch. Das Zuhören-Können kann es also nicht sein.

Überhaupt ist es reichlich naiv anzunehmen, passive Talente genügen, wenn man ein Gespräch anstiften soll zwischen lauter autistischen Sprechern. Denn Politiker sind strukturell autistische Specher, fest entschlossen, nur das zu sagen, was sie sagen wollen. Und niemals das andere.

Maybrit Illner wollte eigentlich Sportreporterin werden. 1983 hat sie als Volontärin in der Sportredaktion des DDR-Fernsehens angefangen. Warum sie das werden wollte, wusste sie schon vor fünf Jahren nicht mehr. Vielleicht, weil es das einzige Feld war, wo man in der DDR ohne zu lügen von Erfolgen berichten konnte. Und Journalismus in der DDR hieß ja nun mal: von Erfolgen berichten.

Vielleicht wollte sie es auch nur, weil sie wusste, dass sie es konnte. Und so ein Polit-Talk ist ja auch bloß eine Sportreportage mit anderen Mitteln, nur dass man selber auch noch Schiedsrichter ist und die Regeln des Spiels eigenhändig festlegt. Und zwar während des Spiels. Nebenbei sollte man auch ein wenig witzig sein. Illner kann das. Von wegen Gut-Zuhören-Können! Das Geheimnis, warum Frauen die besseren Polit-Talkerinnen sind, ist vielmehr die Falschheit des Weibes: Lächeln, sehr dekorativ aussehen und den Dolch schon in der Hand halten, das ist die Kunst.

Wir freuen uns auf die nächsten zweihundert Folgen von „Berlin Mitte“.

„Berlin Mitte“: ZDF, 22 Uhr 15

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