Medien : Die Farbe des Krieges: Wenn die gnädige Patina weg ist

Michael Burucker

Die Farbe des Krieges (1). Sat 1. Es gehört zu den erstaunlichen Fähigkeiten des Gedächtnisse, Erlebtes multimedial abzuspeichern. Das Kopfkino der Erinnerung stellt Farben und Gerüche wieder her. Bei nicht erlebter Vergangenheit hingegen ist die Vorstellungskraft auf technische Bilder angewiesen. Das "dunkle Kapitel der deutschen Geschichte" verdunkelt sich buchstäblich, wenn Krieg und Nazi-Diktatur im kollektiven Gedächtnis vor allem im Schwarzweiß der "Wochenschau"-Filme haften bleiben. Von bedrängender Nähe und Authentizität wirken dagegen die von "Spiegel-TV"-Autor Michael Kloft aufgespürten Farbaufnahmen aus dieser Zeit, die er zu einer umfangreichen Chronologie montiert hat.

Als von fiktionalen Bildern Umstellte begreifen wir nur mit Mühe: Das ist kein "Deutschlandspiel", die KZ-Häftlinge stecken nicht im TV-Kostüm. Ohne die gnädige Patina des Schwarzweiß-Bildes überfällt uns das Grauen des Krieges ebenso wie die scheinheilige Idylle des großdeutschen Alltags jäh auf Augenhöhe. Die historische Distanz scheint mit dem Farbbild aufgehoben. Näher und natürlicher, als uns lieb ist, erscheinen die Nazi-Größen plötzlich ohne die schwarz-weiße Konturlosigkeit, hinter der sie sich zu Monstern phantasieren und damit vom Leibe halten lassen. So beklemmend real wirkte die Folge auch deswegen, weil das historische Filmmaterial nicht, wie etwa bei Guido Knopp, Erinnerungen von Zeitzeugen und historische Bewertungen nur illustriert. Klofts Kommentar folgt strikt seinen bemerkenswerten Filmdokumenten. Mal nimmt er die Perspektive des filmenden Hitler-Piloten auf, der Mussolini an Bord hat, mal die eines US-Managers, der in ein Seegefecht gerät. Das ist beeindruckend, das ist bestürzend nah.

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