Medien : Die Frau, die sich vor Dellings Witzen fürchtet

Kira Knühmann-Stengel übersetzt die „Tagesschau“ für Gehörlose – nur für Ironie gibt es keine passende Geste

Antje Hildebrandt

Fast jeden Tag kommt sie in die deutschen Wohnzimmer. Wenn man die „Tagesschau“ nicht im Ersten, sondern auf Phoenix einschaltet, hat man Kira Knühmann-Stengel im Bild. Rechts unten. Mit sehr lebendiger Mimik, ausladend gestikulierend. Gesten, die nicht recht zu den Nachrichten zu passen scheinen, die die Sprecherin vom Papier abliest. Vor allem heute, da die Ausgabe der „Tagesschau“ eher unspektakulär ist: die Regierung und die Reformkrise, der Tarifkonflikt und die IG-Metall.

Wenn man sich den Ton wegdenkt und sich nur auf die Dolmetscherin konzentriert, kommt es einem mitunter vor, als würde sich die Frau lustig machen über die Politiker, die sich hinter Phrasen verstecken. Aber sie selbst wehrt ab. „Ich dolmetsche wie eine Maschine. Das geht rasend schnell.“ Da bleibe überhaupt keine Zeit, irgendeine Meinung anzudeuten.

Kurz vor 20 Uhr, im ehemaligen ZDF- Hauptstadtstudio in Bonn. Die 38-Jährige bereitet sich auf ihren Einsatz vor. Ihre Bühne, das ist eine Box, zwei mal zwei Meter. An der Wand hängt eine blaue Plane. Vor diesem Hintergrund wird sie gehörlosen Zuschauern gleich unter vollem Körpereinsatz enthüllen, warum die Deutsche Bahn AG ihre Stornogebühren senkt. Vor ihr steht eine Kamera, die sie filmt und die die Aufnahmen im so genannten Blue-Box- Verfahren als kleinen Ausschnitt in das „Tagesschau“-Bild einklinkt.

Zugleich verfolgt Knühmann-Stengel auf dem Schirm dieser Kamera die aktuellen Nachrichten. Vorsichtshalber hat sie sich um 17 Uhr die „Tagesschau“ angesehen, das gehört zum Pflichtprogramm, denn einen Ablaufplan der ARD bekommt sie vorher nicht. Sie arbeitet wie eine Simultan-Dolmetscherin. „Unsere Gebärdensprache ist eine Fremdsprache“, sagt sie. Mit eigener Grammatik. Und mit eigenem Vokabular.

Für jedes Wort gibt es eine Geste. Genau genommen ist es ein Zusammenspiel von Hand- und Lippenbewegungen. Wenn Knühmann-Stengel die „lieben Zuschauer“ vor dem Fernsehschirm „herzlich willkommen“ heißt, streichelt sie mit der rechten Hand flüchtig die Wange. Vor ihren Augen formt sie beide Hände zu einem Fernrohr. Mit dem rechten und linken Zeigefinger malt sie die Konturen ihres Herzen auf der linken Brust nach.

Sie sagt, die Qualität ihrer Übersetzung hänge auch von den Texten der Moderatoren ab. Noch heute trauert sie dem ehemaligen Anchorman des „heute journals“, Wolf von Lojewski, nach. „Der hat präzise formuliert.“ Subjekt, Prädikat, Objekt. Dafür hat sie ihm sein Faible für Wortspiele verziehen. „Die“, seufzt die Gebärdendolmetscherin resigniert, „kann man nicht übersetzen“. Vor Witzen, wie sie Gerhard Delling gerne erzählt, um seine Fußballberichte aufzupeppen, hat sie regelrechten Horror. Für die ist in ihrer Sprache kein Platz.

Die 38-jährige Mühlheimerin hat ihr Handwerk am Landesinstitut für Gebärdensprache in Essen gelernt. 80 Prozent ihrer Kollegen sind mit taubstummen Eltern groß geworden. „Mich hat der Beruf einfach so gereizt“, sagt Knühmann-Stengel. Mittlerweile übt sie auch jeden Tag zu Hause: Sie ist mit einem taubstummen Mann verheiratet. Das Paar hat vier eigene Kinder – und hat dazu ein gehörloses Mädchen adoptiert.

Ihre Auftritte im Fernsehen haben ihr zu einiger Popularität verholfen. Sieben Gebärdendolmetscher wechseln sich bei Phoenix ab. Knühmann-Stengel, der Name klingt, als hätte ihn sich Loriot ausgedacht. Dabei ist er zum Markenzeichen für eine Frau geworden, die Information und Entertainment unter einen Hut bringt – und auch noch einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Gebärdensprache leistet. Ob „simsen“ oder „Euro“ – die TV-Nachrichten bei Phoenix haben schon so mancher neuen Vokabel auf die Welt geholfen.

Am 7. April 1997, zur Premiere von Phoenix, ging sie zum ersten Mal auf Sendung. Für gehörlose Zuschauer war es ein historischer Moment. Zwar gab es vorher schon ein Magazin für Hörgeschädigte im Bayerischen Rundfunk, „Sehen statt Hören“. Doch tägliche Nachrichten fand diese Gruppe nur in gedruckter Form im Videotext. Von den 80 000 Gehörlosen in der Bundesrepublik schaut heute jeder vierte die Nachrichten auf Phoenix.

Aus wirtschaftlicher Sicht sind die Sendungen zwar Quotenkiller. Statistisch ist der Marktanteil mit 0, 1 Prozent bis 0,2 Prozent eine zu vernachlässigende Größe. Doch nach den Worten von Phoenix-Sprecher Jürgen Bremer nimmt der Parlamentskanal von ARD und ZDF diese Einbrüche bewusst in Kauf. Schließlich hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen ja einen Programmauftrag.

Gelegentlich flattert Knühmann-Stengel und ihren Kollegen sogar Fanpost ins Haus. Wie wichtig die Nachrichten für Gehörlose sind, merkt der Chef vom Dienst, Clemens- Christian Markosch, aber vor allem, wenn der Sendeplatz längeren Live-Übertragungen zum Opfer fällt. „Dann bekommen wir massenweise Faxe und E-Mails.“

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