Medien : Die Freiheit zu schweigen

Thomas Gehringer

Schriftsteller Lutz Rachowski, inhaftiert wegen „staatsfeindlicher Hetze“, hält Vorträge vor Schulklassen, aber seine Töchter scheuen davor zurück, ihn auf seine Erlebnisse in der DDR anzusprechen. Reiseleiterin Anna Gollin führt Gruppen durch die ehemalige Stasi-Zentrale in der Berliner Normannenstraße. Heute lebt sie wieder mit ihrem Sohn zusammen, der 1982 im Alter von drei Jahren bei ihrer Verhaftung wegen „Verbreitung von Hetzliteratur“ zurückgeblieben war. „Der Junge spricht nicht darüber“, sagt seine Oma.

Pastor Matthias Storck und seine Frau Tine, beide eingesperrt wegen „Landesverräterischer Agententätigkeit“, diskutieren oft über Politik und speziell die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Ihre Kinder, alle drei erst nach dem „Freikauf“ durch die BRD im Westen geboren, sind leicht angenervt. „Warum kann man nicht einfach so vor sich hinleben und die Vergangenheit ein bisschen hinter sich lassen?“ Matthias nimmt seine Kinder in Schutz: Vielleicht sei es den Kindern auch peinlich, dass ihre Eltern im Gefängnis waren, „weil die Welt, die das hervorgerufen hat, existiert ja nicht mehr“.

Für mehr als 200 000 Menschen ist die vor 16 Jahren zu Grabe getragene DDR nicht mit Spreewälder-Gurken-Nostalgie verbunden, sondern mit sehr persönlichen Erfahrungen von Verrat, Misshandlung und Freiheitsentzug. Wie schwer es den Familien der ehemals politischen Gefangenen fällt, über ihre private Geschichte zu reden, davon erzählt dieser Dokumentarfilm von Marc Bauder und Dörte Franke – eine berührende Arbeit über die nachhaltigen Verletzungen des DDR-Regimes. Der unkommentierte Film, der die kleine, aber feine Reihe „Deutschland dokumentarisch“ des „Kleinen Fernsehspiels“ eröffnet, besteht vor allem aus – getrennt geführten – Interviews mit den Betroffenen, zum Teil ihren Kindern und Eltern.

„Jeder schweigt von etwas anderem“, ZDF, 0 Uhr 20

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