Medien : Die frohe Botschaft

Tele-Gottesdienste, Bibel-Comic, Pfarrer Braun – wie sich Fernsehen und Kirche gegenseitig beeinflussen

Tilmann P. Gangloff

Zu Zeiten Christi mussten die Vertreter der jungen Kirche auf die Straße gehen, um das Wort Gottes zu verkünden. 2000 Jahre später ist es wieder so weit. Mit einem Unterschied allerdings: Der Marktplatz von heute sind die Medien, allen voran das Fernsehen. Und weil die Menschen, glaubt Kommunikationswissenschaftler Jo Reichertz von der Universität Duisburg-Essen, heute mehr Antworten als je zuvor brauchten, steht für ihn außer Frage, dass Religion und Fernsehen wie füreinander geschaffen seien. Reichertz, Autor des Buches „Frohe Botschaft Fernsehen“, betrachtet das Medium als Ersatz für gesellschaftliche Institutionen, die an Bedeutung verloren haben; auch die Kirchen. Seit der flächendeckenden Verbreitung kommerzieller Sender „hat sich das Fernsehen als Dienstleister etabliert und sogar konkrete kirchliche Aufgaben übernommen“. Womöglich erhoffen sich die Menschen auch so etwas wie Absolution, wenn sie in Talkshows ein öffentliches Bekenntnis ihrer Vergehen ablegen.

Für die Kirchen ist diese Form der Konkurrenz Herausforderung und Ansporn zugleich. Sie nutzen das Medium mit kontinuierlichem Erfolg. Am offensichtlichsten funktioniert die Kooperation bei Verkündigungssendungen. Die Gottesdienste im ZDF (sonntags, 9 Uhr 30) haben rund eine Million Zuschauer, das „Wort zum Sonntag“ in der ARD über 1,7 Millionen. Hinzu kommen Sendeplätze wie die Reportagereihe „37 Grad“ (ZDF, dienstags, 22 Uhr 15) oder die Dokus, die das Erste sonntags um 17 Uhr 30 zeigt.

Diese Sendungen sind ein gutes Beispiel dafür, wie christliches Gedankengut seine Verankerung im Fernsehalltag findet. „Menschengeschichten“ nennt Peter Arens, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft, die „37 Grad“-Reportagen. Hier werde vom „Sozialvertrag“ erzählt, von der Vereinbarung, „dass der Mensch für den Menschen da ist“, ganz gleich, ob die Motivation religiöser Natur sei oder nicht: „Wenn unsere Protagonisten bei der Pflege alter oder kranker Menschen von christlichen Überzeugungen der Nächstenliebe geleitet werden, können sie dies in den Filmen formulieren; sie müssen es aber nicht.“

Bernd Merz reicht das nicht. Der Rundfunkbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche sucht gemeinsam mit dem Kinderkanal (Kika) nach Wegen, wie man auch ganz junge Zuschauer ansprechen kann. Für vorbildlich hält er die Reihe „Unsere Zehn Gebote“ vom Medienverbund der evangelischen Kirche, die 2006 mit dem Erich-Kästner-Preis ausgezeichnet wurde. In kurzen Alltagsgeschichten machen die Filme deutlich, wie tief die Gebote im Alltag verwurzelt sind. Auch ein Kinofilm wie „Blindgänger“ (Deutscher Filmpreis) oder der mehrfach ausgezeichnete TV-Film „Wer küsst schon einen Leguan?“ sind Beispiele dafür, wie man religiös fundierte Moral vermittelt, ohne belehrend zu wirken. Derzeit entwickeln Merz und der Kika eine 26-teilige Zeichentrickserie mit biblischen Geschichten, ebenfalls kein „Religionsunterricht mit anderen Mitteln“, wie Merz betont, sondern der Ausgleich für ein Defizit: „weil sich viele Eltern fragen, wie sie ihre Kinder in christlichem Glauben erziehen sollen.“

Pfarrer Merz weiß zwar um die Möglichkeit des Fernsehens, das Leben in mancherlei Hinsicht besser gelingen zu lassen; und sei es, weil es zur Entspannung beiträgt. Als Sinnstifter sieht er das Fernsehen nicht: „Natürlich gibt es Momente, die man nie wieder vergisst. Das Medium mag positive Gedanken, Emotionen und Wahrheiten transportieren. Aber es ist nicht die Botschaft.“ Trotzdem erinnert sich der Theologe gern an Felix Hubys fast zwanzig Jahre alte Serie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ (ARD). Kein Wunder, schließlich war der Titelheld (Robert Atzorn) ein protestantischer Gemeindepriester, dessen Erlebnisse immer mit Ausprägungen des Glaubens verwoben waren. Aktuelle kirchliche Fernsehfiguren tragen die Soutane der Konkurrenz: Sowohl Pfarrer Braun als auch Schwester Hanna („Um Himmels Willen“; beide ARD) sind katholischen Glaubens. Und ungemein erfolgreich: Ottfried Fischer kommt als kirchlicher Hobbydetektiv regelmäßig auf über fünf Millionen Zuschauer, Janina Hartwig als Nonne im steten Kampf gegen den Bürgermeister (Fritz Wepper) sogar auf sieben Millionen. Merz kritisiert beide Produktionen als oberflächlich, kann die hohe Akzeptanz aber erklären: „Pfarrer und Nonne vertreten eine Gedankenwelt, die mit Gott und Transzendenz zu tun hat.“ Trotzdem sieht er das Potenzial kirchlicher Figuren, „die schließlich von der Geburt bis zum Tod mit allen Eckpunkten menschlichen Lebens in Berührung kommen“, in den ARD-Sendungen eher verschwendet.

Ganz im Gegensatz zu seinem evangelischen Kollegen hält Peter Kottlorz, Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am SWR, das Fernsehen durchaus für einen Sinnstifter. Und mehr noch: Für ihn ist das Fernsehen allein durch seine Omnipräsenz eine regelrechte „Sinnstiftungsmaschine“. Nicht zu unterschätzen sei auch die rituelle Funktion des Fernsehens: In der Ritualisierung des Mediums sieht der Theologe durchaus Parallelen zur Religion, ganz zu schweigen vom fast schon liturgischen Ablauf großer Shows. Eine „chronische Unterversorgung“ hat Kottlorz hingegen bei „spirituellen, meditativen Regelsendungen, die das Bedürfnis der Menschen nach religiöser Beheimatung stillen“, festgestellt: „Angesichts der ‚Renaissance von Religion’ hinkt das Fernsehen der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher.“

ARD und ZDF finden die Mischung hingegen genau richtig. Im Sinne Merz’ betrachten sie sich selbst ebenfalls keineswegs als Sinnstifter. Peter Arens sieht seine Aufgabe eher darin, Orientierung zu bieten: „Die Werte, die wir vermitteln können, erfindet das Fernsehen ja nicht, es bezieht sie vielmehr aus dem gesellschaftlichen Diskurs.“ Für ARD-Programmdirektor Günter Struve ist das eine grundsätzliche Frage: „Wir freuen uns, wenn es uns gelingt, Diskussionen auszulösen. Aber sinnstiftend, wie es Religionen oder Weltanschauungen sind, ist Fernsehen sicher nicht; und darf es auch nicht sein.“

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