Medien : Die Front im Wohnzimmer

Al Dschasira statt CNN: Eigene TV-Sender stärken das Selbstbewusstsein der Araber

Andrea Nüsse[Beirut]

Die Mediengesellschaft reicht mittlerweile bis in den letzten Winkel der Erde. Doch seit dem Irakkrieg durchzieht das globale Dorf eine Mauer. Auf der einen Seite stehen die westlichen Medien, teilweise eingebettet in die Truppen der Amerikaner oder aus dem Pentagon berichtend. Auf der anderen die panarabischen Fernsehsender, die Al-Qaida-Videos ausstrahlen und Betroffenen-Interviews aus dem Irak. Und wenn jetzt der US-Präsident Bush einmal über die Mauer kletterte und den Sendern Al Arabija und Al Hurra Interviews gab; so zeigt das nur, wie sehr ihn die Affäre um die Folter-Fotos in Bedrängnis gebracht hat.

Ein deutsch-arabischer Mediendialog in Beirut wollte die Brücke schlagen zwischen den beiden Medien- Welten. Das Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen hat ihn in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt veranstaltet. Deutsche und arabische Journalisten debattierten über den Journalismus seit dem Irakkrieg. Männer wie Rami Khoury, Chefredakteur der libanesischen Tageszeitung „The Daily Star“, der feststellte, dass Massenmedien „Instrumente und Waffen des Krieges“ geworden seinen: von „unabhängigen Chronisten der Ereignisse“ auch über den Krieg hinaus zu „aktiven Kombattanten an der Front der Informationen“. Und ihre Mitarbeiter werden damit zu „Zielen“ der gegnerischen Seite.

Die arabischen Satellitensender sind nach Ansicht Khourys zwar unabhängiger und professioneller geworden. Aber sie stehen heute unter einem ganz neuen Druck: Die elektronischen Massenmedien sind der einzige Sektor, auf dem ein Kräftegleichgewicht zwischen USA und arabischer Welt besteht, meint Khoury. Auf diplomatischem, militärischem, technologischem und wirtschaftlichem Gebiet sei die arabische Welt hilflos unterlegen. Doch die arabischen Satellitensender hätten es geschafft, durch ihre Arbeit vor Ort ein ernst zu nehmendes Gegengewicht zu den „Mainstream Medien“ in den USA und den Verlautbarungen der US-Regierung zu schaffen. Darauf sind die Menschen in der arabischen Welt stolz, die ansonsten nur politische Niederlagen und Demütigungen erleben. 35 Millionen Menschen schauen schätzungsweise den Nachrichtensender Al Dschasira. Daher nennt Hazem Saghieh von der angesehenen pan-arabischen Tageszeitung „Al Hayat“ den Sender die „populärste politische Partei“ der arabischen Welt. Doch genau dies führt seiner Ansicht nach zu einer extremen Politisierung und verstärkt die Tendenz zur Sensation. Vor dem Hintergrund der Kolonialisierung und des in der arabischen Welt vorherrschenden Minderwertigkeitsgefühls bekomme ein journalistischer „Scoup“ wie die Ausstrahlung von Bin-Laden-Tonbändern eine Bedeutung, die weit über die Bedeutung von Exklusivmeldungen in den von wirtschaftlicher Konkurrenz geprägten Medien im Westen hinausgehe.

Doch im Kampf gegen den Terrorismus instrumentalisieren auch die Regime die arabischen Staatsmedien in bisher unbekannter Form: So strahlte das jordanische Staatsfernsehen kürzlich die wahrscheinlich vom Geheimdienst durchgeführten Interviews mit mutmaßlichen Terroristen und Bilder angeblicher Sprengstofflager aus. Was als journalistisches Produkt verkauft wurde, war eine 20-minütige Verlautbarung der Regierung, ohne dass diese so gekennzeichnet war.

Und wie die jordanische Journalistin Rana Sabbagh-Gargour unterstrich, wagte es keine der vier großen Tageszeitungen, die von der Regierung kontrolliert werden, die offizielle Version, man habe einen Terroranschlag mit 80 000 Toten verhindert, zu hinterfragen.

Auch wenn der Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Hans Werner Kilz, der auch zur Tagung anreiste, auf die Gefahren für die Pressevielfalt und -freiheit in Deutschland durch die Wirtschaftskrise und die sich anbahnenden Konzentrationen hinwies, sind die arabischen Medien doch viel massiverem Druck ausgesetzt. Durch Regierungen und religiöse Autoritäten, Verleger mit eigener politischer oder konfessioneller Agenda und – im Falle der Nachrichten-Satellitensender – neuerdings durch die politischen Erwartungen des Publikums. In der Professionalisierung und der Ausarbeitung klarer ethischer Kriterien durch die Medien selbst für ihre Berichterstattung sehen arabische Journalisten ihre stärkste Waffe gegen die massiven Einschränkungen ihrer Freiheiten. In einem Punkt sind viele arabische Journalisten ihren westlichen Kollegen aber möglicherweise voraus: Aufgrund bitterer Erfahrungen mit ihren Regimen misstrauen sie grundsätzlich allen Verlautbarungen von Regierungen. Schreiben dürfen sie das bisher allerdings nur selten.

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