Die Fußball-EM - aus US-amerikanischer Sicht : Deutsch ist Hysterie

Wie wird eigentlich in den USA über die Fußball-EM berichtet? Immerhin ist dort auch noch Copa America, mit Jürgen Klinsmann.

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USA-Trainer Jürgen Klinsmann
USA-Trainer Jürgen KlinsmannFoto: AFP

Wenn zwischen einem Spiel der Fußball-Europameisterschaft und dem Standort des Betrachters gute 10 000 Kilometer Abstand liegen, dann wächst auch der Abstand zwischen Anteilnahme und Hysterie. Ehrlich gesagt, schieben sich die Augenbrauen in eine wunderliche Position.

Wunderlich, weil die Deutschen wieder einmal dem Irrtum erliegen, Fußball sei die eigentliche Hauptsache der Welt. Wenn also der Bundestrainer Jogi Löw eine gewinnbringende Taktik in seiner Hose sucht, dann sucht die Bunzrepublik mit. Der Wahnsinn bekommt neue Methode nach dem krampfigen Unentschieden gegen die Polen. So gelitten haben die Deutschen nicht mehr seit dem Ende von Weltkrieg Zwo. Chefredakteure vergessen alle Politik und fordern ultimativ die Kapitänsbinde für Jerome Boateng.

Der Sportsender ESPN überträgt jedes Spiel live

Ist nicht so, dass in god's own country die Fußball-EM belächelt wird. Der Sportsender ESPN überträgt jedes Spiel live, allerdings sind die Partien der Copa America in einem Land, in dem mehr und mehr Hispanics leben, von erheblich größerer Bedeutung.

Egal, die EM wird übertragen, nach jedem Spiel sitzt eine Runde soignierter Herren in Paris vor den ESPN-Kameras und analysiert die Begegnungen. Abgeklärt, in überlegtem Ton, zur Sache wird gesprochen, nicht hirnlos wie atemlos über die Katastrophe des Unentschiedens gegen den Nachbarn. Und nebenbei transportieren die Amis die gute, sehr gute Nachricht. Deutschland gehört weiter zu den Titel-Favoriten, das Polen-Spiel war die schwache Partie, die jede große Mannschaft in einem Turnier abliefert.

Hysterie ist nichts anderes als eine Frage der Kultur, in der man lebt. Okay, NBA-Finale, US Open im Golf, diese Wettbewerbe bringen auch hier eine Menge Leute auf Touren - sind aber keine nationalen Schweißtreiber.
Ist schon sehr beruhigend, diese EM-Entspanntheit. Hat natürlich seinen Preis: 10 000 Kilometer Distanz.

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