Medien : „Die Fußball-WM muss uns nicht interessieren“

Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz sagt dem eigenen Sender eine glänzende, den Musiksendern eine düstere Zukunft voraus

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Herr Elitz, noch 75 Tage bis zur Fußball-WM. Sind Sie schon nervös?

Ich glaube, dass der Fußball überschätzt wird. Es wird ja nicht 24 Stunden am Tag Fußball gespielt werden, wir aber senden 24 Stunden täglich. Unsere Primetimes liegen am frühen Morgen und um die Mittagszeit. Da bleibt der Rasen unbespielt. Nur ein gutes Drittel der Bundesbürger interessiert sich überhaupt für Fußball. Uns bleiben also noch genügend Hörer.

Die WM interessiert Sie überhaupt nicht?

Natürlich berichten wir über die WM, aber wir übertragen keine Spiele. Wir setzen das Gebührengeld lieber für eigene Produktionen ein. Wir werden informieren und kommentieren, aber wir werden nicht zum Fußballradio werden. Wir wissen, dass sich die Mehrzahl unserer Hörer nicht sehr für Fußball interessiert.

Bedauern Sie das nicht jedenfalls ein bisschen?

Nicht jeder kann alles machen. Es gibt ja die ARD-Sender. Und die werden ihre Sache sicher sehr gut machen.

Was halten Sie von der These, dass das Radio, wenn es nicht gerade Fußballspiele überträgt, langsam aber sicher seinem Ende entgegengeht?

Nicht sehr viel. Die neuesten Zahlen belegen das genaue Gegenteil.

Aber nicht jedes Radio wird überleben.

Die Sender, die hauptsächlich Musik spielen, werden über kurz oder lang Schwierigkeiten bekommen. Das gilt insbesondere für die Jugendradios. Durch das Podcasting, also die Möglichkeit, sich seine Musik nach Belieben zusammenzustellen, sich gewissermaßen sein eigenes Programm zu basteln, werden diese Radios an Bedeutung einbüßen. Das gilt genauso für Klassikradios. Das Radio, das aktuellen Inhalt bietet, also Sender wie wir, haben unter dieser Entwicklung nicht so zu leiden. Je aktueller ein Radio ist, je mehr Hintergrund es bietet, desto größer wird sein Vorteil gegenüber den anderen. Das Internet ist kein Feind, sondern ein Freund der so genannten Content-Radios, also der Radios, die Informationen, also Inhalt bieten.

Wozu brauche ich das traditionelle Radio denn überhaupt noch, wenn ich mir doch alles aus dem Internet holen kann?

Das Radio hat einen großen Vorteil gegenüber allen anderen Medien: Radio können Sie überall empfangen. Sie müssen nur auf einen Knopf drücken, und schon hören Sie Radio. So leicht macht es Ihnen kein anderes Medium.

Das Fernsehen steht vor einer kleinen Revolution: Es wird tatsächlich bald überall zu empfangen sein. Wird das Radio da nicht in die Ecke gedrängt?

Wissen Sie, was der Nachteil des Fernsehens ist? Sie müssen hingucken. Als ehemaliger Fernsehmann weiß ich, wovon ich rede. Das Radio ist das am einfachsten zu bedienende Medium. Sie brauchen keine Steckdose. Die Omnipräsenz des Radios schlägt alle anderen. Haben Sie schon mal beim Autofahren im Internet gesurft oder ferngesehen? Trotzdem gilt natürlich: Auch das Radio muss mit den neuesten Entwicklungen Schritt halten. Sie können uns heute schon über das Handy hören, Sie können sich Interviews und Reportagen als Podcast herunterladen. Sie sehen, wir sind dabei. Man muss die Inhalte mobil machen. Das tun wir.

Und das reicht?

Das Content-Radio, also Sender wie wir, braucht keine Rettungsaktion. Es wird gestärkt aus dieser Entwicklung hervorgehen. So viel ist sicher.

Müssen Sie sich eigentlich unbedingt Content-Radio nennen?

Sie sind ein typischer Deutschlandradio-Hörer. Wenn wir einmal in unserem Programm von Content-Radio reden oder einen anderen englischen Begriff verwenden, dann können wir sicher sein, dass ein paar Minuten später Hörer anrufen und fragen, warum wir nicht ein deutsches Wort gebrauchen. Aber wir haben zurzeit einfach kein besseres Wort. Haben Sie eine Idee?

Leider nein. Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen unter 30 und ab 60 deutlich weniger Radio hören als früher. Ist das bei Ihnen auch so?

Beim Deutschlandradio Berlin lag der Durchschnitt vor der Umbenennung in Deutschlandradio Kultur bei etwa 50 Jahren. Neue Zahlen werden wir erst in einem halben Jahr bekommen. Beim Deutschlandfunk liegt der Durchschnitt bei 59. Damit liegen wir unter dem Schnitt des ZDF und weit unter CNN, was uns aber nur ein gewisser Trost ist. Wir haben beim DLF viele Sendungen, die von jungen Menschen gehört werden. Aber die 13- bis 18-Jährigen erreichen wir kaum, das muss ich zugeben.

Erschreckt Sie das nicht?

Na ja, mit 13 oder 18 hatte ich andere Vorlieben, als ständig politische Sendungen zu hören. Die Gesellschaft wird immer älter. Und da sollen ausgerechnet die Radiohörer immer jünger werden?

Alle werden immer älter. Wird denn gar nichts mehr jünger?

Sie werden doch nicht sagen wollen, dass Jugend an sich ein Wert sei. Wir legen Wert auf Qualität, nicht auf Jugendlichkeit. Natürlich haben wir nichts gegen junge Hörer. Im Gegenteil. Aber die über 50-Jährigen sind uns auch lieb und teuer.

Müsste der Durchschnitt nicht etwas niedriger sein, sagen wir, bei 40 liegen?

Das wäre sicher schön. Aber darf man nicht, wenn die Bevölkerung insgesamt immer älter wird, damit zufrieden sein, dass man seinen Schnitt gehalten hat? Das ist in jedem Fall eine relative Verjüngung.

Relativ ist relativ. Wie wollen Sie erfolgreich bleiben?

Nehmen Sie als Beispiel unsere Nachrichten. Als ich hier anfing, dachte ich, wir müssten unsere Nachrichten modernisieren, also weg von dem schmucklosen Vorlesen der Texte. Aber genau diese Nachrichten sind ein Renner. Hochschulradios, mit denen wir kooperieren, wollen genau diese Nachrichtenform. Das hat mich selber überrascht.

Sie sind ein Beharrer.

Ich bin beharrlich, wenn es um Veränderungen geht. So haben wir bei unseren Programmen gerade einen Relaunch gemacht, behutsam, aber nachdrücklich. Dass wir aufs Wort gesetzt haben und nicht wie viele andere unserer Konkurrenten auf Musik, das hat uns, wie sich jetzt zeigt, nicht geschadet.

Womit kann Radio wirklich Eindruck machen, was macht das Radio einzigartig? Müssten Sie nicht viel mehr live senden?

Viel mehr live, als wir senden, geht nicht. Was wollen Sie denn noch? Theaterkritiken, Interviews, Konzerte, das alles und noch viel mehr senden wir live. Würden wir noch mehr live senden, müssten unsere Live-Berichterstatter und Moderatoren sich gegenseitig ins Wort fallen. Dann beschweren sich die Hörer wieder.

Wie es aussieht, finden Sie Ihr Publikum beim deutschen Bildungsbürger.

Wir erreichen mit beiden Programmen ein Publikum von mehr als acht Millionen, die uns regelmäßig hören. Ich finde, mit so vielen Bildungsbürgern kann Deutschland zufrieden sein. Und wenn wir deutschlandweit so senden könnten, wie wir es wollten, dann hätten wir 16 Millionen regelmäßige Hörer. Aber leider haben wir nicht genügend UKW-Frequenzen im Westen und im Süden.

Ein ehernes Gesetz des Kapitalismus sagt, wer nicht wächst, der wird geschluckt, früher oder später.

Unser vorrangiges Ziel ist es, bei der Medienpolitik durchzusetzen, dass unsere Zielgruppe uns tatsächlich überall empfangen kann. Dann wächst die Quote. Bei den letzten beiden Media-Analysen haben wir bei unseren Hörern jeweils um zehn Prozent zugelegt. Ich finde das als Zwischenergebnis gar nicht so schlecht. Es gibt zwei Gewinner der letzten Media-Analysen: Antenne Bayern und Deutschlandradio.

Wenn schon nicht Fußball, dann vielleicht Olympia: schneller, höher, weiter. Können Sie damit etwas anfangen?

Aber sicher. Weiter: Wir wollen mehr Frequenzen überall in Deutschland. Schneller: Wir werden noch stärker auf Aktualität setzen, auch in der Kultur. Höher: Und natürlich wollen wir, dass die Quoten weiter steigen.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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