Medien : Die gekündigten Stimmen

Unter der Kirch-Pleite haben auch die Synchronsprecher zu leiden. Viele müssen umsatteln

Matthias Lohre

Ins Synchronstudio zieht es die Stimme von Julia Roberts und Ally McBeal nur noch selten. Zwar ist Daniela Hoffmann eine der wenigen Sprecher, die sich keine Sorgen machen müssen, auch in Zukunft „ihrem“ Hollywood-Star die Stimme leihen zu dürfen. Doch selbst die 39-jährige Schauspielerin könnte von ihren Synchron-Engagements nicht leben. „Ich spreche vor allem meine festen Rollen“, sagt die Berlinerin. „Im Moment habe ich auch nicht so viel Spaß an der Arbeit wie früher, weil die Atmosphäre in den Studios sehr bedrückend ist.“ Wer noch Arbeit hat, bangt um seinen Job.

Der Schatten der Kirch-Pleite hängt seit mehr als einem Jahr über Studios, Technikern und Sprechern gleichermaßen. Vorbei die Jahre, als das Medienimperium des Leo Kirch amerikanische TV-Serien und Kino-Filme en gros kaufte und synchronisieren ließ.

Zudem besetzen erfolgreiche TV-Formate wie Castingshows und Seifenopern den Bildschirm, die ohne teure Synchronisationen auskommen. Düstere Zeiten für mehrere tausend Synchronsprecher in Deutschland. Genau lässt sich deren Zahl nicht beziffern, denn oft leihen die Freiberufler den Hollywood-Größen ihre Stimme nur im Nebenerwerb.

Daniela Hoffmann schätzt, dass es vor zehn Jahren noch zehn Mal so viele Synchronsprecher-Jobs gab wie jetzt. Die berufliche Laufbahn vieler Synchron-Sprecher führt daher heute auf das Sozialamt. Wer das vermeiden will, muss in den fetten Jahren vorgesorgt haben. Mancher entdeckt in der Krise sogar alte und neue Vorlieben. Die klassisch ausgebildete Schauspielerin Hoffmann beispielsweise hat immer mehrere berufliche Standbeine gehabt: Theater-Engagements in Berlin und TV-Auftritte wie in „Polizeiruf 110“ und dem „Landarzt“, Werbespots für Autos und Katzenfutter. Der Blondine mit dem Rollenimage der frechen, lebensklugen Frau von nebenan helfen nun ihre Kontakte, um an Projekten mitzuarbeiten, die ihr wirklich gefallen. Wie unlängst die Vertonung der Fantasy- Romane von Diana Gabaldon, Geschichten mit vielen unterschiedlichen Rollen und Akzenten. Der Hörbuchmarkt trotzt dem derzeitigen Abwärtstrend.

Wer aber weder eine Schauspielausbildung noch Bühnenerfahrung vorweisen kann, steht oft vor dem beruflichen Aus. Auch Birgit Richter von der Berliner Synchronsprecher-Agentur „Stimmgerecht“ kann vielen ihrer Kunden keine Hoffnung machen: „Vor einem Jahr habe ich noch auf eine leichte Besserung im Jahr 2004 gehofft“, sagt Richter. „Heute kann ich nicht einmal mehr das versprechen.“ Wer nicht auf die Stimme eines Hollywood-Stars abonniert ist, hat fast keine Chance. Unbekannte Neueinsteiger gelten als Risiko. Stattdessen synchronisieren immer öfter Prominente Animationsfilme: Otto Waalkes als Faultier in „Ice Age“ und Anke Engelke, die einem gar nicht stummen Fisch die Stimme leiht, sind zwei Beispiele von vielen. Von ihren Namen versprechen sich die Produzenten höhere Zuschauerzahlen.

Doch selbst etablierte Sprecher und Synchrondrehbuch-Autoren wie Engelbert von Nordhausen müssen sich nach neuen Arbeitsmöglichkeiten umsehen. Der 55-Jährige leiht zwar seit Jahren Samuel L. Jackson, Bill Cosby und Fred Feuerstein seine kräftige Stimme. Doch bei Synchron-Gagen von etwa 1000 Euro brutto für vier Tage Arbeit pro Film müssten Hollywood-Stars schon sehr viel drehen, um ihrem deutschen Gegenpart die Taschen zu füllen. Die meiste Zeit bringt Nordhausen deshalb seit einem halben Jahr in Babelsberg den Seifenopern-Darstellern von „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ im Phonetik- Unterricht das richtige Sprechen bei. Auch er malt sein Bild des „Dunkelgewerbes“ Synchronisation in düsteren Farben, sieht dabei aber durchaus Chancen: „Die Sprecher werden gezwungen, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen. Meistens ist das die Schauspielerei.“ Dass die lange Tradition der Film-Synchronisation in Deutschland aussterben wird, glaubt indes kaum jemand. Dafür sind die Zuschauer hierzulande zu sehr an die unsichtbaren Sprachkünstler gewöhnt, hoffen Sprecher und Synchron-Firmen. Doch was das kommende Jahr bringen wird, wagen auch die rund dreißig Synchron-Studios hier zu Lande nicht vorauszusagen. „Die Sender reagieren schneller als früher auf Quoten- Schwankungen und werfen Sendungen aus ihrem Programm“, sagt Jörg Hanfeld von Arena Synchron. Die Berliner Firma bearbeitet vor allem amerikanische TV-Serien für Pro 7, Sat 1 und das ZDF. „Letztendlich entscheiden die Zuschauer, ob sich Synchronisationen in Zukunft noch rechnen werden – und damit die Sender.“ Manche Synchronsprecher wie Engelbert von Nordhausen beunruhigen solche Aussichten nicht. Für die meisten Stimmen-Geber ist die Akkordarbeit im Studio ohnehin eine anspruchsvolle, aber brotlose und unbeachtete Kunst. Neu entdeckt hat Nordhausen die Lese-Tour. Deutschlandweit hat er im Frühjahr aus den Romanen über den schwarzen US-Polizisten Shaft vorgelesen. Vor drei Jahren kam ein Remake des Films mit Samuel L. Jackson als Shaft in die Kinos, mit Nordhausen als seiner deutschen Stimme. So macht sich für ihn die Arbeit als Synchronsprecher doch bezahlt.

Nordhausen erwähnt einen Kollegen, der auf andere Art von der Arbeit im lichtarmen Aufnahmestudio Abschied genommen hat. Auf den Havel-Ausflugsschiffen der „Weißen Flotte“ in Potsdam betritt der Ex-Sprecher jetzt mit einem Soloprogramm die Bühne, neben Veranstaltungen wie den „Nächtlichen Schlösserimpressionen“ und einer Travestieshow.

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