Die großen Kriminalfälle : Zar für die Unterschicht

Die Schickeria mied ihn, die einfachen Leute liebten ihn - doch vom Doppelleben des Designers Rudolph Moshammer wusste kaum jemand. Eine ARD-Doku zeigt jetzt den Fall des Münchners, der 2005 ermordete wurde.

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Die Haare schön. Rudolph Moshammer und seine Jugendfreundin Veronique Aimée, die ihn 1997 auf den Deutschen Filmball begleitete. Foto: ARD
Die Haare schön. Rudolph Moshammer und seine Jugendfreundin Veronique Aimée, die ihn 1997 auf den Deutschen Filmball begleitete....Foto: HR/diwafilm/Privatfoto

Zehn Jahre ist die ARD-Dokureihe der „Großen Kriminalfälle“ jetzt alt, 35 Filme haben TV-Erinnerungsarbeit bei ganz besonderen Opfern, Tätern und Ermittlern geleistet. Im Wesentlichen ist die Machart auf der Höhe der Zeit geblieben. Man präsentiert historisches Material, verbindet es mit Statements von Zeitzeugen und gibt durch behutsames Nachspielen von Szenen ein wenig historisierendes Kolorit hinzu. Über allem erhebt sich eine verschwörerische Off-Stimme, die durch eine Szenerie aus Angst, Blut und Aufklärungsfieber hindurchzuführen verspricht. Ein boulevardesker Stil, ein kaum verhehlter Genuss am Skandal ist augenscheinlich gewollt.

So auch im Fall Rudolph Moshammer, dem Münchner Modemacher, der an einem Wintertag des Jahres 2005 von seinem Chauffeur Andreas Kaplan tot aufgefunden wird. Strangulationsmale zeigen, dass er von hinten erdrosselt wurde, das Tatwerkzeug, ein Kabel, liegt noch herum. Sofort macht sich die Mordkommission an die Arbeit. Binnen weniger Tage klärt sie das Verbrechen auf.

Den Filmemachern Danuta Harrich-Zandberg sowie Walter Harrich, beide schon verdient um die Reihe, ist entlang dieses Krimis aus dem wirklichen Leben eine spannende Doku gelungen, die das Erste an diesem Montag zeigt. Seinen Reiz bezieht der Film zu großen Anteilen aus der gekonnten Inszenierung der Zentralfigur Moshammer. Der hochgewachsene, apart gescheitelte Geschäftsmann mit der kleinen Mutter und dem winzigen Hund hat einst die Münchner Schickeria ins Leben gerufen; die städtischen Promis jedoch hielten – mit Ausnahmen – Abstand. Richtig gern mochten ihren „Mosi“ die einfachen Leute, Obdachlose eingeschlossen, für die er einiges getan haben soll. Ein Modezar also mit Neigung zur Unterschicht, warum nicht. Aber da war noch mehr.

In allerlei Andeutungen gibt die Off-Stimme, diesmal geliehen von Gert Heidenreich, Hinweise auf ein Doppelleben Moshammers, das allemal heute, lange nach der Ermordung des Mannes, so geheimnisumwittert nicht mehr sein dürfte. Das Muster ist bekannt und auch schon von ähnlich prominenten Außenseitern erfüllt worden: von Walter Sedlmayr, Pier Paolo Pasolini, ja man könnte bis zu Oscar Wilde zurückgehen. Diese Exzentriker verschwiegen oder verleugneten ihre Homosexualität, nicht aber ihren Hang zur Straße, woraus ihnen schließlich eine tödliche Gefahr erwuchs. Dass „Mosi“ in diese Reihe gehörte, war seinerzeit wohl nicht allen klar, obschon zum Beispiel Freund Roberto Blanco durchblickte und ein Bodyguard seinen Boss vor dessen Nachfahrten warnte. Auch Chauffeur Kaplan waren diese Ausflüge nicht geheuer.

Der gerät sogar, da im Testament großzügig bedacht (er sollte unter anderem das Hündchen erben) ins Visier der Fahnder, aber wie im Krimi ist es auch im wirklichen Leben meist anders als es auf den ersten Blick scheint. Kaplan erzählt heute gern von damals, auch die involvierten Kommissare berichten inspiriert von einem der ersten Fälle, in denen eine DNA-Analyse zum Täter führte.

König-Ludwig-Verehrer Moshammer hat seine öffentlichen Auftritte ebenso melodramatisch wie bizarr inszeniert; wenn es nicht zynisch klänge, müsste man sagen: Sein gewaltsamer Tod passte da durchaus hinein. Die Suada des Kommentars, die immer wieder auf Fragen des Typs: „Wer war er wirklich?“ zulief, wurde der Moshammer’schen Selbstdarstellung keineswegs gerecht. Wie so häufig gerade bei Dokumentationen im Fernsehen hinkt auch hier der Text den Auskünften der Bilder hinterher, er widerstreitet ihnen manchmal sogar. Dass der „wahre“ Moshammer ein Einsamer war, der nach Liebe lechzte, wie der Kommentar suggeriert, vermag eigentlich nicht zu überzeugen. Es ist eher so, dass eine Existenz wie die Moshammers (oder Sedlmayrs etc., s. o.) ohne die umraunten „Abgründe“ gar nicht möglich wäre. Insofern ist auch die Rede vom „Doppelleben“ unzutreffend. Einer wie Moshammer hatte eben seine „dunkle Seite“, dadurch erst wurde sein Leben ein Ganzes. Er lebte es mit den Jungs von der Straße, mit Mama, die er nie verließ und mit Daisy. So hieß das Hündchen.

„Rudolph Moshammer - der einsame Tod des Modemachers“, 21 Uhr, ARD

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