Medien : Die Großmutter des Hiphop

Thomas Gehringer

In München hatte sie Auftrittsverbot, den Wienern wurden von der Kirche Sondergottesdienste verordnet – als Buße für den Besuch ihrer Show. In Berlin aber wurde Josephine Baker als der erste schwarze Superstar gefeiert. In ganz Europa war sie eine Attraktion, seitdem sie im Oktober 1925 mit ihrer „Revue Nègre“ in Paris erstmals die Bühne betreten hatte. Sie tanzte wild und mit blankem Busen, rollte mit den Augen und trug exotische Kostüme. Ihr Markenzeichen war ein Gürtel aus 16 Bananen. Die 1906 in St. Louis im amerikanischen Süden geborene Tänzerin spielte mit den Klischees und war dabei umwerfend komisch.

Phoenix zeigt die französische Dokumentation „Josephine Baker“ in seinem Weihnachtssonderprogramm. Die Autoren Yves Rion und Philippe Pouchain verzichten vollständig auf Aussagen von Zeitzeugen, Experten oder gar Kritikern und montieren ihre filmische Biografie allein aus historischen Archivaufnahmen zusammen. Die Ausschnitte lassen Josephine Bakers enorme Energie auf der Bühne erahnen. Ob sie wirklich Twist, Hiphop und Breakdance erfunden hat, wie die Autoren erklären, sei mal dahingestellt, aber ihr so genannter „Jazz hot“, eine Mischung aus afrikanischen Tanzelementen und dem damals modernen Charleston, war sicher ein Vorläufer zu den heutigen Tänzen zur Rap-Musik.

Ein wenig brav erzählen Rion und Pouchain das Leben der Josephine Baker chronologisch von Anfang bis Ende. 1937 wird sie in Frankreich eingebürgert. Als die Deutschen einmarschieren, schlägt sie sich auf die Seite der Résistance und wird nach dem Krieg zu einem Symbol des französischen Widerstands. In Amerika dagegen ist sie erst einmal nur die „Negerschlampe“, wie die „New York Times“ 1935 schreibt. Es gibt offenbar auch nur wenige Bilder von ihren Auftritten dort. Als sie bei ihrer zweiten Amerika-Tournee 1951 aus dem Hotel fliegt, weil sie darauf besteht, mit ihrem weißen Ehemann in einem Zimmer zu nächtigen, protestiert sie öffentlich. Sie engagiert sich politisch, heiratet sechs Mal, adoptiert zwölf Kinder, weil sie keine eigenen bekommen kann, und steht bis kurz vor ihrem Tod im April 1975 auf der Bühne, auch aus finanziellen Gründen. Ein schillerndes, exzentrisches Leben einer erstaunlichen Persönlichkeit, die sich aus dem Schwarzen-Ghetto von St. Louis empor- kämpfte. Ein amerikanischer Traum also, der mit Hilfe des alten Europa in Erfüllung ging.

„Josephine Baker“: Phoenix, 22 Uhr 15

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