Medien : Die Gucci-Killerin

Iris Berben zieht in einem Zweiteiler mordend durch eine Werbefilmwelt

Barbara Sichtermann

Oh, oh. Da hat aber jemand Ehrgeiz gezeigt: ein rabenschwarzer Thriller mit Schauspielern der A-Klasse wird uns geboten, erlesene Schauplätze, exquisite Interieurs – Portofino musste schon sein, und in Nizza auch gleich das Hotel Negresco. Hauptdarstellerin Iris Berben als Rächerin Sylvia trägt die gewagtesten Stiletto-Sandaletten und phantastische Frisuren, und die Straßenkreuzer, die von der Moyenne Corniche auf die nobelsten Villen mit Auffahrt und Portikus zuhalten, sind auch nicht von schlechten Eltern. Aber stop. Ein erstes echtes Lob ist fällig. Dieser Zweiteiler ist wunderbar fotografiert. Frank Küpper überbietet mit seiner Kamera jeden Werbefilm für die Côte d’Azur oder die Hotellerie von Rom bis Wien – so elegant und geheimnisvoll können alle die Lobbys und Bars und Suiten in Wirklichkeit gar nicht sein. Ja, der Film hat Atmosphäre, und die nimmt erst mal stark für ihn ein.

Dann ist da allerdings noch die Handlung. Schon das Motiv – Rache – gibt es fast nur im Film. Gut, spätestens seit „Annas Mutter“ wissen wir, dass so was vorkommt: Sanftmütige Frauen, wenn sie zum Äußersten getrieben werden, verlieren alle Skrupel und werden zu eiskalt planenden, zielsicher agierenden Exekutorinnen. Dennoch: Die Häufigkeit, mit der Vergeltung in Film und Fernsehen den Beweggrund für wahre Schlächtereien abgeben muss, hat keine Entsprechung in der Wirklichkeit. Der Racheengel ist eine Chimäre. Wo er regiert, schleicht sich das wahre Leben zur Hintertür hinaus.

Was natürlich auch wieder was für sich hat. Wenn die Realität verabschiedet worden ist, kann die Phantasie der Autoren mit ihnen durchgehen, und dabei kommen im Falle der „Braut in Schwarz“ das Mittelmeer und eine Killerin heraus, die hinter sechs Übeltätern her ist, deren Tat zwölf Jahre zurückliegt und nicht mal ihr selbst galt. Also, da muss man doch ganz schön schlucken, bevor man die Story kauft, aber hilfreich ist folgender Gedanke: Das Motiv der „Schwarzen Witwe“, die ihre Männer in der Hochzeitsnacht beseitigt, ist ein Topos der kinematographischen Literatur, und warum soll man ihn nicht immer mal wieder variieren. Die Version von Carlo Rola (Regie) hat, wenn man erst mal drauf verzichtet, höhere Plausibilitätsansprüche zu stellen, durchaus einiges zu bieten. Der Film spielt krimiadäquat in zwei Welten: der des Verbrechens, in der die mörderische Witwe ihre Opfer umgarnt und in der des BKA, das ein hartnäckiges Ermittler-Duo, die Kommissarin Lahn (Claudia Michelsen) und ihren Kollegen Wegner (Julian Wiegand) abgestellt hat, um die Mörderin zu jagen. Glücklicherweise kam Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt auf die Idee, auch Lahn und Wegner ins Fadenkreuz der Witwe geraten zu lassen – als Lockvögel und Fast-Opfer nicht nur ihrer eliminatorischen und erotischen Attacken. So schmelzen die beiden Welten schließlich zu einer zusammen, in der der dunkle böse Blick der schönen Sylvia wie ein Leitstern funkelt.

Es sind alle Motive da, die ein Film dieses Genres uns schuldet: die Verschlingung und Berührung von Eros und Tod, Eros und Mord, Eros und Selbsttötung, Eros und Stöckelschuh, Eros und Gift. Wir waren alle, sagt Kommissar Wegner, gelähmt von „der Angst, dass wir in dem Sog, den Sylvia entfacht hatte, untergehen würden“. Wenn man bereit ist, diesen Zweiteiler wie einen lyrischen Bilderbogen an sich vorbeiziehen zu lassen, in dem die Urängste vor dem Weib, das tötet, während es lockt, in edle Bilder gefasst und mit viel aufwühlender Musik unterlegt wird, dann hat man durchaus was davon. Man darf bloß nicht fragen, wie alles zusammenhängt. Leider sind wir das als Volk von Krimiguckern so gewohnt. Und mitanzusehen, wie eine gestandene Kommissarin, die übrigens fast immer im Voraus weiß, was die Witwe als Nächstes tut, beinahe in die Sexfalle tappt, die der Todesengel (so der ursprünglich Titel) mit den süßen Grübchen für sie aufgestellt hat, das fällt nicht leicht. Aber es gibt eben Abgründe in der menschlichen Seele – und warum sollte nicht auch ein Thriller mal daran erinnern? – über die niemand hinwegkann, auch nicht das BKA.

„Die schöne Braut in Schwarz“, RTL, 21 Uhr 15; der 2. Teil folgt am kommenden Sonnabend zur gleichen Zeit

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