Die halbe Wahrheit : Der Angriff der Flatrate-Piraten

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass gerade überall garstige Flat rate-Piraten ihr Unwesen treiben? Es sind Leute mit einem ähnlichem Tarifvertrag, wie Sie ihn selbst vor ein paar Monaten im Zustand völliger Planlosigkeit im Telefonshop unterschrieben haben.

Esther Kogelboom
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 Alle haben neuerdings Flatrates, mit denen man unbegrenzt, ausufernd und natürlich gratis in das entsprechende Netz telefonieren kann.

Flatrate-Piraten sind professionellen Brunchern sehr ähnlich: Sie nehmen, soviel sie können. Sie bleiben so lange sitzen, bis sie umfallen. Und wenn sie satt sind, schmieren sie sich Brote für später – bezahlt ist bezahlt.

Der Flatrate-Pirat hat gleichzeitig große Angst vor der Leere, die sich auftut, wenn er zum Beispiel drei Minuten am Bahnsteig auf die U-Bahn warten muss. Dann scrollt er hektisch sein Telefonbuch runter – und wenn Sie Anna oder Andreas heißen, haben Sie schon verloren. Denn dann ruft Sie der Flatrate-Pirat kurzerhand an und stiehlt Ihre Zeit, um das Verrinnen seiner eigenen Lebenszeit nicht schmerzhaft spüren zu müssen. Er vermag es nicht, eine Sekunde ohne Gesellschaft auszuhalten. Kostet ja nix, den anderen nach einem fadenscheinigen „Wie geht’s?“ mit Belanglosigkeiten zu quälen. Dummerweise ist es mit dem Auftauchen der Telefonpauschalen unmöglich geworden, ein Gespräch mit den Worten „Ruf mich später auf dem Festnetz an, das ist billiger“ zu beenden. Was umsonst ist, ist auch legitim.

Man erkennt Flatrate-Piraten auch daran, dass grundsätzlich Hintergrundgeräusche zu hören sind, wenn sie sich melden: das Türenschließ- Warngeräusch der U-Bahn, fremde Stimmen, das Piepen eines Supermarktkassen-Scanners.

Manchmal spricht der Flatrate- Pirat auch ohne Vorwarnung kurz mit anderen: „Gestern war ich im Kino und hab Tage des Aufruhrs gesehen. Eine Latte macchiato bitte, ohne Zucker, und kann ich noch eine Serviette haben? Das ist ja gar keine Hollywood-Schmonzette, die arme Kate Winslet. Wo sind die Deckel? Danke! Tschüss, nein, ich meine nicht dich.“

Der Flatrate-Pirat vertraut darauf, dass der Angerufene sich schon die passenden Satzbausteine zusammenschrauben wird. Mmh, mmh, schallt es kärglich aus dem Handy, das reicht ihm als Minimalbestätigung für sein gedankenloses Tun.

Der Flatrate-Pirat ist eine Art Oral-Blogger. Er kann seine Wirklichkeit nur verarbeiten, indem er sie eins zu eins mitteilt. Er könnte genauso gut mit seinem Hund sprechen, aber er hat ja keinen.

Ich habe ganz besonders aus geprägte Antennen dafür, wenn mich jemand anruft, der zeitgleich im Internet surft. Diese gewisse Abwesenheit in der Stimme, das verhaltene Klickgeräusch der Maus, furchtbar. Viele Flatrate-Piraten rufen auch mit vollem Mund an, weil sie keine Lust haben, alleine zu essen.

Lieber telefoniert der Flatrate-Pirat beim Auto fahren, aber ohne Freisprechanlage, so dass er das Han dy rechtzeitig auf den Beifahrersitz werfen muss, wenn er im Straßen verkehr eine Bedrohung erblickt. Das Einzige, was man ihn dann noch ausrufen hört, ist „Polizei!“.

Der Flatrate-Pirat wird sich niemals melden, wenn er zu Hause mit einer Tasse Tee auf dem Sofa sitzt. So war das Telefonieren früher: Man nahm das moosgrüne Telefon, wählte und führte ein Gespräch, das zu gleichen Teilen aus Zuhören und Selbersprechen bestand.

Ich finde: Flatrate-Piraten sollte und darf man gnadenlos wegdrücken, wenn es einem zu bunt wird. Tschüss, ja, ich meine diesmal dich. Diese modernen Zeitfresser haben nichts anderes verdient. Aber das Unverschämte ist leider, dass sie es nicht mal merken werden.

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