Medien : Die Helden der Blutgrätsche

Achtteilige Dokumentarfilmreihe zu 40 Jahren Bundesliga

Thomas Gehringer

Der Fußball ist zurück in der ARD: Von kommender Saison an zeigt die „Sportschau“ wieder die Bundesliga. Gleichsam zur Einstimmung zeigt der WDR von heute an jeweils donnerstags eine üppige, achtteilige Dokumentarfilmreihe über 40 Jahre Bundesliga. Der Titel lautet: „Der Ball ist rund“. Wie sonst?

Doch darf man keine Chronologie der schönsten Spielszenen erwarten. Die Autoren sind Dokumentarfilmer, keine Sportredakteure. Günter Bäcker, Werner Kubny und Per Schnell haben über 120 Interviews geführt und sich dabei über die Folgen des gewaltigen Medieninteresses am Fußball gewundert: „Viele von den älteren Spielern wollten nicht vor die Kamera“, sagt Kubny. „Daran kann man sehen, wie verschreckt die Leute sind.“ Nicht zu einem Auftritt zu bewegen waren etwa Heinz Flohe (1. FC Köln) und Herbert Wimmer (Mönchengladbach). Dafür gelang es dem Team, die einstigen Bayern-Stars Gerd Müller und sogar Georg Schwarzenbeck in seinem Schreibwarenladen nach langer Zeit mal wieder für ein Interview zu gewinnen.

Chronologisch, vom bodenständigen Kick der ersten Jahre bis zu den jüngsten sportlichen und finanziellen Dramen, blättert der Sender die Bundesligageschichte auf. Seltsame Zeiten waren das vor 40 Jahren, von denen der heutige erste Teil („Mann gegen Mann“) handelt: Der 1. FC Köln war noch das Maß aller Dinge, vom ersten Bundesliga-Tor des Dortmunders Timo Konietzka gibt es keine Fernsehbilder, und die Spitznamen der Kicker lauteten ganz bodenständig „Ömmes“ (Gerd Kentschke) oder „Pico“ (Arnold Schütz).

Und Willi Schulz, Abwehrrecke damals noch von Schalke 04 und späterer Vize-Weltmeister, stand hinterm Tresen und verkündete etwas steif in die Fernsehkamera, er wolle auch weiterhin als Gastwirt arbeiten, damit er nach seiner Fußball-Karriere „nicht verhungert“.

Die Dokumentarfilmreihe ist nicht nur für Fußballfans amüsant, denn nebenbei spiegeln sich im Massenphänomen Bundesliga auch die Zeitläufte wider. Man denke nur an den schwungvollen Fußball der 70er Jahre in Mönchengladbach, der in den Feuilletons als Ausdruck der 68er-Aufbruchstimmung gedeutet wurde. Und selbst Underdogs wie der Verein Tasmania Berlin, der Platz 48 und damit den letzten Rang der „ewigen Tabelle“ ziert, taucht in der Dokumentation auf: in Gestalt von Jockel Posinski und Atze Becker. „Den Berlinern haben sie so richtig mitgespielt“, schimpft Becker noch immer auf den DFB. Der hatte nach dem ersten Bundesligaskandal – Hertha BSC hatte unter anderem Schwarzgelder an Profis gezahlt – 1965 den völlig überforderten Club Tasmania als Berlin-Vertreter nach oben beordert.

Von den heutigen Spitzenvereinen gab sich allein Bayer Leverkusen zugeknöpft – während der Dreharbeiten kämpfte Bayer noch gegen den Abstieg und mochte sich nicht ablenken lassen.

An Bildern aus der jüngsten Vergangenheit herrscht kein Mangel, sofern sie nicht zu teuer waren. Zwar war die ARD ab 1993 nicht mehr im Besitz der TV-Rechte. Doch RTL und Sat 1 seien kooperativ gewesen, heißt es, nur die geforderten Summen für die wichtigsten Europapokalspiele der Jahre 2000/01 waren dem WDR zu teuer.

„Mann gegen Mann“: 1. Folge der achtteiligen Reihe „Der Ball ist rund“, 20 Uhr 15, WDR Fernsehen

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