Medien : Die Herrenmenschen

„Deutsche Kolonien“: Eine dreiteilige Gesamtschau im ZDF

Thomas Gehringer

Der höchste Berg Deutschlands? Mehr als 30 Jahre lang, zwischen 1885 und 1918, wäre „Kilimandscharo“ die richtige Antwort gewesen. Das klingt exotisch, aber spätestens seitdem ein Herero-Häuptling im Jahr 2001 Entschädigung für den 1904 von Deutschen begangenen Völkermord forderte, ist die vergleichsweise kurze, aber keineswegs unbedeutende Kolonialgeschichte wieder in den Blickpunkt gerückt. Zeitweise war die Flächenausdehnung der Kolonien in Afrika, China und der Südsee fünfmal so groß wie das Deutsche Reich selbst. Und offenbarte sich bei der rücksichtslosen Niederschlagung des Herero-Aufstands in Deutsch-Südwest-Afrika und auch in dem brutalen Regime des Pastorensohns Carl Peters in Deutsch-Ostafrika nicht bereits die Ideologie vom Herren- und Untermenschen, eine der Grundlagen des Nationalsozialismus?

Das ZDF wagt sich mit dem Dreiteiler „Deutsche Kolonien“ an eine Gesamtschau. „Wie es wirklich war, können wir nicht umfassend beantworten“, schränkt Autorin Gisela Graichen ein. „Wir können aber exemplarische Geschichten von Menschen erzählen, die das Bild der Kolonialzeit prägten.“ Persönliche Zeitzeugenberichte bleiben, zumindest in der heutigen Auftaktfolge „Vom Entdecker zum Eroberer“, allerdings die Ausnahme. Es ist eher eine Geschichtsstunde im üblichen Format historischer Fernsehdokumentationen geworden. Inklusive inszenierter Spielszenen, die die Zeitreise mit Farbe und Atmosphäre für ein großes Publikum attraktiv machen sollen. Ihre Aussagekraft ist ebenso begrenzt wie die der Originalbilder. Fotos und Filme drücken vor allem das damalige Gefühl der Überlegenheit aus: Eher belustigt blickte man auf die exotische Welt der Afrikaner, die vornehmlich als Diener oder, spärlich bekleidet, bei traditionellen Tänzen zu sehen sind. Seltener, aber durchaus vorhanden sind Dokumente von Gräueltaten.

Ergänzt wird das historische Material durch aktuelle Bilder von den verbliebenen Spuren deutscher Kolonialzeit. Das reicht von Gullydeckeln aus Gelsenkirchen, die das Filmteam in der kolonialen Altstadt im chinesischen Tsingtao entdeckt hat, bis zur Großfriedrichsburg in Ghana, die zum Weltkulturerbe zählt. Sie erinnert an das frühe koloniale Vorspiel: Der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. schickte 1683 eine Flotte von 16 Schiffen nach Westafrika und mischte 34 Jahre lang im Sklavenhandel mit. Im 19. Jahrhundert sicherten sich private Kaufleute wie der Hamburger Reeder Adolf Woermann ganze Küstengebiete in Afrika, indem sie an die Einheimischen vor allem Alkohol verkauften. Kanzler Bismarck schwatzten sie 1884 den „Reichsschutz“ ab, der Deutschland zur Kolonialmacht werden ließ.

Bei der Einordnung helfen Historiker nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Afrika. Besonderes Gespür für die Bedürfnisse des Fernsehens beweist die stellvertretende Bildungsministerin Namibias, Becky Ndjoze-Ojo, die mit prächtigem Kostüm und beeindruckendem Kopfschmuck auftritt. Sie sagt etwa über die Berliner Kongo-Konferenz 1884: Dort sei Afrika aufgeteilt worden „wie ein Schokoladenkuchen. Deswegen lud man den Besitzer des Kuchens, den man verzehren wollte, natürlich nicht ein.“

Führte nun die koloniale Herrenmenschen-Politik des Deutschen Reichs in direkter Konsequenz nach Auschwitz? Der wissenschaftliche Berater der Reihe, der Münsteraner Historiker Horst Gründer, verweist darauf, dass die rassistischen Vorstellungen jener Zeit nicht allein in Deutschland anzutreffen waren, sondern „allgemeiner konstitutiver Bestandteil der abendländisch-westlichen Expansionsgeschichte waren“.

Der letzte Teil („…und morgen die ganze Welt“, 22. November) behandelt die Frage, welche Rolle die koloniale Vergangenheit in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus gespielt hat.

„Deutsche Kolonien“, immer dienstags, 20 Uhr 15, ZDF

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