Medien : Die Hypotheken-Rundschau

Bei der „FR“ tickt die Uhr. Wie es weitergeht, weiß niemand in Frankfurt. Sicher ist nur: Verschwinden wird die Zeitung nicht

Ulrike Simon

Die Kunststoffverkleidung der Wandschränke und Tische in der Redaktion der „Frankfurter Rundschau“ haben alle diese gedämpft gelblich-beige Bürofarbe. Selbst die Klos und die Kacheln dort sind beige. Man fühlt sich unweigerlich an die 70er erinnert und weiß wieder, warum es damals so beliebt war, überall bunte Prilblumen aufzukleben. Aber nicht nur das Mobiliar ist schuld daran, dass die Stimmung in der Redaktion so bedrückend ist. Ihr wurde in der letzten Zeit viel zugemutet. Das Schlimmste dürfte ihr noch bevorstehen.

In den vergangenen Monaten galt die Aufmerksamkeit mal wieder Berlin. Der Zeitungsmarkt hier hat in der Verlagswelt ein bisschen die Funktion eines Labors. Auf abgegrenztem Raum passiert hier all das, was auf die Zeitungen der Restrepublik noch zukommen könnte. Hier brachen die Auflagen stärker ein als anderswo, hier wurden Redaktionen zusammengelegt („Berliner Morgenpost“, „Welt“), hierher zog eine komplette Redaktion um („Welt am Sonntag“), eine Zeitung wurde verkauft („Berliner Zeitung“), die andere (Tagesspiegel) geriet ins Zentrum der Debatte um ein neues Fusionsrecht. Davon fast unbemerkt kämpft in Frankfurt eine Zeitung ums schiere Überleben. Manche sagen, die Tage der „Frankfurter Rundschau“ seien gezählt.

Die „Frankfurter Rundschau“ ist eine starke Zeitungsmarke, die nicht untergehen wird. Wer in Frankfurt wissen will, was in der Stadt passiert, wer eine Wohnung braucht oder ein Auto, der studiert die „FR“. Nicht die „FAZ“. Beide Zeitungen sind überregional, die eine linksliberal, die andere konservativ. Aber nur die „FR“ hat dieses Lokalkolorit. Wieder anders ist die ebenfalls in Frankfurt verbreitete „Frankfurter Neue Presse“. Dieses Blatt lesen nur jene, denen die „FR“ zu links ist. In Berlin würde man sagen, die „FNP“ ist die Zeitung der Laubenpieper.

Das Problem, das die „Frankfurter Rundschau“ umtreibt, ist, wie und wie lange ihr Verlag den zahlreichen finanziellen Forderungen nachkommen kann. Die Geduld der Banken ist ausgereizt. In wenigen Wochen läuft eine Frist ab, heißt es, danach könnte Schluss sein. Der Begriff Insolvenz macht die Runde.

Die „Frankfurter Rundschau“ galt in den 60er und 70er Jahren einmal als überaus modern. Das Blatt symbolisierte Aufbruchstimmung und modernes Denken. Jeder Student, der etwas auf sich hielt, las die Zeitung mit dem grünen Streifen. Das ist ziemlich lange her. Seither haben sich viele Strukturen festgefahren. Ein Beispiel: Erst 1985 stellte die „FR“ von Bleisatz auf Fotosatz um. Sie war damit eine der letzten Tageszeitungen. Veränderungen, auch personelle und inhaltliche, gab es bei der „FR“ kaum. Lediglich drei Chefredakteure zählte das Blatt bis 2000. Die beiden, die dann als Doppelspitze wirkten, waren die ersten, die mit dem 1973 gestorbenen legendären „FR“-Gründer Karl Gerold nie zusammengearbeitet hatten. Sie sollten den Mief aus dem Blatt schaffen und den publizistischen Bedeutungsverlust auffangen.

Es dauerte bis zum März 2002. Zu dieser Zeit erkannte die „FR“ erstmals ihre massiven finanziellen Probleme. Und auch da unterschätzte sie die Krise noch. Eine falsche Annahme, die sie zu der Zeit mit vielen anderen Verlagen teilte. Insgesamt 1600 Mitarbeiter zählte die „FR“ damals in Verlag und Druckerei. 242 davon waren Redakteursstellen. Davon wiederum müssten bis zu 20 wegfallen, doch betriebsbedingte Kündigungen werde es keine geben, hieß es damals noch. Tatsächlich werden Ende 2004 noch knapp 1200 in Verlag und Druckerei arbeiten, und auch das sind weit mehr als die „FR“ sich leisten kann.

Es kam Schlag auf Schlag.

Im September 2002 brauchte und bekam die „FR“ von ihren Hausbanken Dresdner Bank und Sparkasse einen neuen Kredit, der allein dafür bestimmt war, die laufenden Verluste zu finanzieren. Wirtschaftsprüfer der KPMG kamen, um die „FR“ zu durchleuchten. Die beiden Hausbanken schickten ihren Generalbevollmächtigten ins Haus. Nun gab es doch betriebsbedingte Kündigungen. Mit Wolfgang Storz, der erst zwei Jahre zuvor zur „FR“ gekommen war, gab es erneut einen Wechsel in der Chefredaktion. Urlaubs- und Weihnachtsgeld wurden gestrichen, Gehälter gekürzt und mit Freizeit ausgeglichen. Die Berlin-Seite und die Nachmittagszeitung waren bereits eingestellt. Die Geschäftsführung wechselte. Im März 2003 musste Ministerpräsident Roland Koch um eine Landesbürgschaft angebettelt werden. Er gewährte sie, und jetzt musste die linke „FR“ dem CDU-Mann Koch dankbar sein. Die Redaktion musste beteuern, sie werde deshalb künftig nicht Koch-freundlicher berichten. Der niedrige zweistellige Millionenbetrag, heißt es, sei bald aufgebraucht gewesen.

Dann starb mit 78 Jahren Horst Engel, der sich bis März 2003 aktiv um die Geschäfte der „FR“ gekümmert hatte, eisern die Tradition bewahrte – Fortschritt war kaum möglich. Schließlich kam es im vergangenen Herbst zu dem seit Jahren geplanten und immer wieder verworfenen Relaunch. „Das Unternehmen ist auf dem Weg der Erneuerung und Entwicklung bereits weit vorangekommen“, sagte die Geschäftsführung. Bis Ende 2004 wird das erklärte Ziel, schwarze Zahlen, nicht erreicht sein. Die Zeit läuft davon.

Seit 2002 gibt es Überlegungen, das Redaktionsgebäude in der Innenstadt zu verkaufen und nach Neu-Isenburg umzuziehen. Das Gebäude ist hoch beliehen, gehört quasi den Banken, der Immobilienmarkt ist so desolat wie das Anzeigengeschäft der Zeitung. Das Gebäude muss noch in diesem Monat verkauft werden, was wohl gelingen wird. Das hofft zumindest die „FR“, denn mit seinen Bauplänen muss der Interessent, die niederländische MAB, selbst Fristen einhalten. Auf dem Nachbargrundstück errichtet sie ein 800 Millionen Euro teures Projekt mit Büros, Geschäften und einem Hotel. Auf dem „FR“- Gelände sollen Wohnungen entstehen. Doch der Preis, den die „FR“ für das Gebäude erzielen wird, wird weit unter den erwarteten 54 Millionen Euro liegen; er wird sich im Bereich von 45 Millionen Euro bewegen.

Die Geschäftsführung ist von den Banken beauftragt, aktiv nach einem Investor zu suchen. Die Londoner Beteiligungsfirma 3i ist dem Vernehmen nach die einzige, die eine Beteiligung noch prüft. Von der SPD-Medienholding DDVG und der Medien-Union hört man, sie hätten Abstand genommen.

Zu viel lastet auf der „FR“. Die Druckerei etwa, die längst hätte modernisiert werden müssen. Die Geschäftsführung will sie vom Verlagshaus gesellschaftsrechtlich entflechten. Wer Interesse am Verlagshaus hat, will sich nicht unbedingt die Druckerei ans Bein heften und umgekehrt. Unverändert ist die Karl-Gerold-Stiftung alleinige Gesellschafterin des Druck- und des Verlagshauses.

Am abschreckendsten für potenzielle Investoren ist die Vorstellung, mit dem Einstieg in die „FR“ die zahlreichen innerbetrieblichen und gewerkschaftlichen Vereinbarungen übernehmen zu müssen. Manche sagen, auf die Insolvenz zu warten und danach unbelastet den Neubeginn zu wagen, sei die einzige Möglichkeit.

Wäre die Stiftung selbst insolvent, verhielte es sich nochmals anders. Zum Stiftungszweck gehört die Garantie der linksliberalen Haltung der „FR“ und der überregionalen Verbreitung. Und die kostet viel Geld. Hätte die „FR“ noch Zeit, könnte sie auf das neue Kartellrecht hoffen. Und ganz speziell darauf, dass es nicht nur Fusionen zwischen Zeitungen in derselben Region zulässt, sondern eine Ebene darunter Kooperationen zwischen benachbarten Zeitungen ermöglicht, ohne dass die eine die andere übernehmen muss.

Im Gegensatz zu München, wo der Wettbewerb insbesondere zwischen den fünf Zeitungen in der Stadt herrscht („Süddeutsche Zeitung“, „Münchner Merkur“, „tz“, „Abendzeitung“ und „Bild München“), besteht in Hessen ein Ballungsraum-Wettbewerb mit starken, angrenzenden Regionalzeitungen wie dem „Darmstädter Echo“, dem „Wiesbadener Kurier“ oder der „Offenbach Post“. Hier fände die „FR“ Ansätze zur Kooperation. Es gäbe auch die Möglichkeit, mit der „FAZ“ und deren Schwesterzeitung „FNP“ zu kooperieren. Nicht nur im Vertrieb; hier laufen die Gespräche bereits. Noch gibt es allein im Stadtgebiet Frankfurt für jede der drei Zeitungen ein eigenes Vertriebssystem. Ein einziges würde viel Geld sparen. Vor allem aber könnte die „FR“ in den seit 1996 existierenden lokalen Anzeigenverbund der Rhein- Main-Media einsteigen, den die „FAZ“ und die „FNP“ bilden.

„FAZ“ und „FNP“ sind die Letzten, die ein Interesse daran haben, sich in Frankfurt mit einem neuen, unkalkulierbar aggressiven Wettbewerber auseinander setzen zu müssen. Hier die eigenständige linke „FR“-Redaktion, dort die eigenständige konservative „FAZ“-Redaktion und darüber ein gemeinsames Unternehmen, das den Vertrieb bis hin zur Personalverwaltung oder der EDV für beide Blätter verantwortet: Das könnte eine Lösung sein – würde die „FAZ“ damit nicht die betriebsinternen, gewerkschaftlichen Verbindlichkeiten übernehmen müssen.

Über allem stehen die finanziellen Forderungen der Banken, denen der Geduldsfaden schneller zu reißen droht.

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