Medien : Die im Verborgenen blühen

Reinhard Siemes

VORSICHT! WERBUNG

Einmal im Jahr ist die Krise der deutschen Werbung vergessen. Dann fahren die Großkopferten der Branche zum Reklame-Festival nach Cannes, um sich, die deutsche Werbung und ihre neuen Sommersachen von Armani zu feiern. Die Teilnahme kostet, einschließlich Gebühr für die diversen Filmvorführungen und Galas, zwischen 4000 und 6000 Euro. Drinks in der Martinez-Bar (ab zehn Euro aufwärts) nicht mitgerechnet.

Aber das Geld ist gut angelegt. Man trifft reihenweise Leute, die für etliche 10 000 Euro gleichfalls Filme und Anzeigen eingeschickt und erneut nichts gewonnen haben. Das verbindet. Und so können sich die derart Frustrierten bei der traditionellen Strand-Fete des Art Directors Club für Deutschland mit Schampus die Lebern porös saufen. Lediglich die Hamburger Werbeagentur Kolle Rebbe durfte frohgemut zum Evian greifen. Hatte sie doch als einziger deutscher Einsender einen Goldenen Löwen für ein Sprachinstitut mit dem Namen inlingua gewonnen.

Es gab noch weitere Preisträger aus Germanien, aber nicht in der Königskategorie Werbefilm. Trotzdem, Deutschland rangiert in der Nationenwertung hinter Brasilien und vor Südafrika an sechster Stelle. Noch vor einigen Jahren lagen wir irgendwo zwischen Usbekistan und Sierra Leone.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ein Blick in die heutigen Werbeblöcke deutlich macht, dass wir zwar bessere Autos bauen als die Afrikaner und Südostasier. Unsere tägliche Werbung aber ist die eines Entwicklungslandes. Mit einem Unterschied: Weil Kongolesen oder die Bewohner der Fidschi-Inseln weniger Geld haben als wir, müssen sie sich etwas einfallen lassen. Hingegen haben deutsche Kreative teure Kameras, perfekte Crews und treffliche Maschinen zur filmischen Nachbearbeitung. Damit kann man jede Idee so zukleistern, dass kaum jemand den geistigen Hohlraum hinter der Tapete merkt. Insofern ist der Goldene inlingua-Film eine echte Leistung, weil er mit wenigen Mitteln das Wichtigste sagt: Kannst du dich in der Landessprache einigermaßen ausdrücken, kriegst du die schönsten Frauen. Filme dieser Art werden gern von deutschen Werbeagenturen gemacht.

Das Problem: Der Normalbürger bekommt diese Werbespots nie zu sehen, weil sie zu Alibi-Zwecken in irgendeinem Vorstadtkino laufen. Aber sie sind gut fürs Renommee. Zudem verschweigen sie im Fall Kolle Rebbe, dass die Agentur – freiwillig oder unter Zwang – unsägliche Filme für den Massenbäcker Bahlsen oder die Deka-Bank bastelt.

Immerhin, auch der berühmte Wiener Architekt Hans Hollein hat mit einem Kerzengeschäft angefangen, das zunächst ohne Bedeutung war. Und der Roman „Das Parfüm“ von Patrick Süskind, den jahrelang kein Lektor anrühren wollte, ist dem Filmproduzenten Bernd Eichinger inzwischen zehn Millionen Euro wert. Bahlsen aber bleibt immer werblicher Müll. Was noch schlimmer ist, wenn man weiß, dass die Agentur ganz anders kann.

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