Medien : „Die Iraker sind für Deutschland“

Bernd Gäbler

Für die Menschen im Irak ist die Fußball-WM nicht ungefährlich. Denn wer die Spiele sehen möchte, muss sich entweder in dem noch immer von Anschlägen geplagten Land auf die Straße trauen – oder sich strafbar machen. Nur in Cafés und Restaurants läuft die WM auf den Bildschirmen; ein Decoder für den Empfang des Kabelkanals ART kostet 135 Euro. Das kann sich kaum jemand leisten, und so „haben viele Leute die Verschlüsselung in ihrem Satellitenempfänger geknackt, um die WM-Spiele sehen zu können“, sagt Amar Sadallah, TV–Moderator für Al Dschasira. Sadallah lebt in Katar und moderiert in Deutschland Sendungen rund um die WM. Da seine Landsleute für das Hacken des verschlüsselten Satellitenempfangs bestraft werden können, und „zum Teil auch Satellitenanlagen konfisziert werden“ schauen viele Iraker einfach Hintergrundinformationen auf Al Dschasira. „Wir berichten nur über die Stimmung in Deutschland, die Fans und die Fußballer“, sagt Sadallah, die Spiele selbst darf Al Dschasira nicht zeigen, dafür fehlen die Lizenzen. Er arbeitet seit sieben Jahren als Sportreporter – zur WM 1990 in Italien reiste der Fußballfan privat.

„Die Leute im Irak feuern die deutsche Mannschaft an“, erzählt der Moderator, „weil das irakische Nationalteam nicht dabei ist.“ Dass Iran rausgeflogen ist, stört die Iraker weniger. „Sie interessieren sich nicht für die iranische Mannschaft“, sagt er vorsichtig. dal

Der Ball ist ECKIG Brevier für den guten Fan

Widersprüchlich sind die Anforderungen an den Fan, sich medien- und situationsgerecht zu verhalten. Als das Fernsehen noch klein war, war es eine Sensation, wenn man da rein kam. Unglaublich: Ich bin hier und ihr seid da. Seht ihr mich? Der Winker war geboren.

In allen Volksschichten hat es sich inzwischen herumgesprochen: Winken ist unschicklich. Nur in Volksmusiksendungen winken unsere Senioren gelegentlich noch, stets verstohlen, eher zur Sicherheit. Statt zu winken, soll der Fan brüllen. Das ist er dem Fernsehen schuldig. Die meisten wissen das. Sie warten und sobald der Reporter „drauf“ ist, legen sie los, grölen und krächzen, „Fi-na-le“ und „Weltmeister“ hat vorzukommen, möglichst oft sollte das Adjektiv „geil“ herausgestoßen werden. Unbedingt ist der Reporter zu bedrängen.

Völlig deplatziert aber wäre es, mit Johannes B. Kerner ebenso zu verfahren. Hier gilt es lediglich darauf zu achten, wann er die Stimme hebt. Tut er dies zu den Worten „Pelé“, „Deutschland“ oder gar „Franz Beckenbauer“, sind sofortiges Johlen und wilder Beifall gefragt. So kann man ins Fernsehen kommen – als Kulisse.

Ganz anders im Stadion. Mit dem Outfit sollte man es beim Kostümwettbewerb mindestens bis zur Nominierung bringen. Man kann aber auch nur besonders gucken: ganz versonnen, ganz traurig. So locke ich das Fernsehen. Aber ich muss wissen: Ich bin ein Symbolbild.

Im Stadion machen viele einen dem Winken verwandten groben Fehler: sie jubeln wie ein Schimpanse vor dem Spiegel, sobald sie sich selbst auf der Videowand erkennen. Nachbarn machen sie aufmerksam. Und schon sind sie weg.

Der coole, medienerfahrene Fan spürt, wenn die Kamera auf ihn gerichtet ist, lässt sich nichts anmerken, jubelt weiter oder guckt versonnen. Vor allem aber: Rechtzeitig vor dem Spiel hat er alle seine Sitznachbarn informiert, ihn auf keinen Fall anzustoßen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben