Medien : Die Karawane zieht weiter

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Von Josef-Otto Freudenreich

Man mag es dem Chefredakteur nachsehen, wenn er sagt, in dem schwarzen Ledersessel, in dem der Besucher Platz nimmt, seien schon alle Kanzler gesessen. Das ist ein kleiner, eitler Hinweis auf die Bedeutung seines Blattes, das normalerweise außerhalb Erfurts eher wenig registriert wird.

Aber weil jetzt nichts mehr normal ist in der 200 000-Einwohnerstadt, ist die „Thüringer Allgemeine“ wichtig und ihr Vorsteher, Sergej Lochthofen, auch.

Der 48-jährige Sohn eines Kommunisten, der in der Nazizeit in die Sowjetunion emigriert ist, hat die Weltpresse neben seinem Schreibtisch gestapelt. Das Magazin „Time“, den „Independent“, und alle haben ein Bild auf der erste Seite, unter dem „Copyright Thüringer Allgemeine“ steht. Es ist das Foto von Robert Steinhäuser, dem Mörder von Erfurt. Es ist das einzige aktuelle Porträt des 19-jährigen. Selbst der „Spiegel“, der Zugang zu sämtlichen Privatalben der Familie hatte, hat kein anderes gefunden. Als Lochthofen das Bild gedruckt hat, war es auf Seite vier versteckt und mit dem n Robert S. versehen. „Wir machen keinen Menschen zum Monster“, begründet der Chefredakteur die erstaunliche Zurückhaltung.

Sie sagt viel über das Selbstverständnis und die Arbeitsweise der „Thüringer Allgemeinen“, die in diesen Tagen im Epizentrum des Erdbebens stand und dabei eine besondere Verantwortung getragen hat. Mit ihren 50 000 Abonnenten erreicht sie 80 Prozent der Haushalte. Das heißt zum einen, dass die Erfurter ihre Primärinformationen aus dem Lokalblatt beziehen, zum anderen, dass sie wohl einen Grund haben, ihr zu vertrauen.

Wer das Blatt in den vergangenen Tagen gelesen hat, kann diese Bindung nachvollziehen. Weit entfernt von reißerischen Schlagzeilen, voyeuristischen Fernsehbildern und gnadenlosen Einbrüchen in Privatsphären hat die „Thüringer Allgemeine“ eine Berichterstattung gepflegt, die man als rundherum solide bezeichnen kann. Sie hat befragt, wen es zu befragen galt, die Kinder geschützt, und den Lehrer Rainer Heise sehr früh sagen lassen, dass er es „fürchterlich“ findet, als Held gefeiert zu werden.

Frei von jeglicher Sensationslust hat das Blatt den Finger in die Wunden gelegt, wenn es galt, der Stadt den verheerend schlampigen Umgang mit den Waffenkontrollen vorzuhalten. „Wegschauen und die Blauäugigkeit von Behörden haben den Täter in den Besitz der Waffen gebracht“, wurde getextet, darüber ein Foto, das einen Zettel der Spurensicherung und eine Patrone zeigt. Mehr musste nicht sein.

„Wir sind keine Wittwenschüttler“, sagt Lochthofen und meint damit die längst nicht mehr nur der Boulevardpresse vorbehaltene Übung, den Opfern die Fotoalben zu plündern. Viel haben sie gelernt, die thüringischen Lokaljournalisten: über die Brutalität der Medienmaschine, die wie ein Bulldozer über Erfurt gefahren ist. Lochthofen beschreibt diesen Überfall reserviert als „Zustand der Belagerung“, in dem sich mancher Belagerte nur noch mit Steinwürfen gegen die Belagerer zu wehren wusste.

Er hat Kamerateams erlebt, die im Dom über die liebevoll mit Blumen, Kerzen und Briefen gestalteten Gedenkstätten getrampelt sind, um die weinenden Kinder in Großaufnahme zu haben. Er weiß von Journalisten, die Bilder von diesen Inseln der Trauer geklaut haben, ohne zu respektieren, was dort stand: „Die Erinnerung ist das Paradies, aus dem wir uns nicht vertreiben lassen." Er erzählt von „durchaus seriösen“ Medien, die bei ihm angerufen und nach den Todesanzeigen der Opferfamilien verlangt haben, um an ihre Adressen zu kommen. Ohne Erfolg. Was er nicht verhindern konnte, war, dass sich die „Wittwenschüttler“ des Boulevards bei den Betroffenen als Vertreter der „Thüringer Allgemeinen“ vorgestellt haben.

Wenn Lochthofen bilanziert, es sei die „Hölle“ gewesen, dann tut er dies nicht wie ein Moralist, dem die Gesetze des Medienmarkts fremd sind. Er fragt sich nur, wo Information aufhört und das „Geschäft mit dem Leid anderer“ anfängt. Muss das ZDF die Täterfamilie filmen, wenn sie sich hinter einem Fenster am Domplatz versteckt, um der Trauerfeier beiwohnen zu können?

Natürlich sind auch dem Chefredakteur jener Zeitung aus dem WAZ-Konzern die Mechanismen, die Gier nach Exklusivität, die Umschlaggeschwindigkeit der Nachrichten nicht verborgen geblieben. Er geißelt sie nicht in Gänze, verwahrt sich gegen Pauschalverurteilungen. Aber er hat gespürt, wie fremd diese Welt wird, wenn sie sich dort darstellt, wo die Menschen nachprüfen können, wie ihre Wirklichkeit widergespiegelt wird. Er muss mit einem Journalismus dienen, der auf Wissen und Gewissen fußt. Lochthofen weiß: „Die Karawane zieht weiter. Wir bleiben.“ Irgendwie ist das tröstlich.

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