"Die Kathedrale" : Menschheitsraum

Arte zeigt das Straßburger Münster in 3-D. Für den französischen Regisseur lassen sich solch monumentalen Bauten nur mit dieser Technik ehrlich würdigen.

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Jahrhundertebauwerk. Computergrafiken illustrieren das Entstehen. Foto: Arte
Jahrhundertebauwerk. Computergrafiken illustrieren das Entstehen. Foto: ArteFoto: © Stéphane Potier, Luxx Studio

Schwerelos gleitet die Kamera in großer Höhe durch das Kirchenschiff des Straßburger Liebfrauenmünsters. Es scheint so, als würden die steinernen Figuren dicht vor die Augen treten. Ein dank 3-D-Technologie etwas anderes Raumerlebnis – jedenfalls wenn man das Vergnügen hat, das Arte-Dokudrama „Die Kathedrale“, wie bei der Premiere vor einigen Tagen in Straßburg, im Kino zu sehen.

Im kleinformatigen Fernsehen bleibt der dreidimensionale Genuss zurzeit noch exklusiv. Arte weiß selbst nicht, wie viele Zuschauer er wirklich mit seinem heutigen „3-D-Abend“ erreichen wird. Ende 2010 verfügten in Deutschland erst 100 000 Haushalte über 3-D-fähige Endgeräte. Das Experiment erscheint trotzdem naheliegend: Damit das Erlebnis räumlichen Sehens in einem 3-D-Film eindrucksvoll gelingt, braucht es einen ebenso eindrucksvollen Raum. Was könnte sich besser eignen als die gewaltigen Zeugnisse mittelalterlicher Baukunst, die Kathedralen, wahre Wunderwerke der Baugeschichte? Das Straßburger Münster war eine Weile das höchste Gebäude der Welt, aber mehr noch als die imposante Höhe des Nordturms (142 Meter) beeindrucken die Details, die unzähligen Skulpturen und Figuren oder die filigrane Gestaltung von Fassade und Turm. Begeistert war auch Johann Wolfgang von Goethe, der die Kirche mit einer Huldigung an Baumeister Erwin von Steinbach („Von deutscher Baukunst“) verewigte.

Und mit dem Besuch des jungen Goethe beginnt auch „Die Kathedrale“, mit dem Arte beweisen will, dass sich die 3-D-Technik insbesondere für den Dokumentarfilm eignet. Nach dem „Avatar“-Hype sei die Gefahr groß, dass 3-D zur „Jahrmarkts-Technologie“ werde, sagt Wolfgang Bergmann, Geschäftsführer von Arte Deutschland. Bereits zum dritten Mal präsentiert der Sender einen 3-D-Abend im Programm. „Das Motiv ist natürlich nicht Masse“, erklärt Bergmann, sprich: Quote. Vielmehr verstehe sich Arte als „europäische Qualitätswerkstatt für Fernsehen“. So lieferten an einem Mini-Zeppelin befestigte Mini-Kameras Bilder aus schwindelerregender Höhe. Mit einem Kamerasystem wie bei „Avatar“ wurden sowohl die Aufnahmen vom Gebäude als auch die Spielszenen und Experten-Interviews gedreht.

Für den französischen Regisseur Marc Jampolsky ist die 3-D-Technik „die einzige Möglichkeit einer ehrlichen Würdigung“. Sein Film widerspricht der Goethe’schen Darstellung, dass allein Steinbachs Genie für die Erschaffung des gotischen Prachtstücks die Verantwortung trägt. In Spielszenen werden fünf weitere Baumeister vorgestellt, die in Zeiten von Pest und Krieg und immer abhängig vom Machtkampf zwischen Kirche, Kaiser und Stadt den Bau vorangetrieben hatten.

Auf „Die Kathedrale“ folgen am 3-D-Abend bei Arte noch „Begegnung im All“ (21 Uhr 45), eine Dokumentation über Astronauten der Raumstation ISS sowie „Die Huberbuam“ (22 Uhr 40), ein Dokufilm über die Kletter-Stars Thomas und Alexander Huber. Thomas Gehringer

„Die Kathedrale“, 20 Uhr 15, Arte

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