Medien : „Die kennen ihren Gegner“

Das Chaos in Kirgisistan hat der Berichterstattung eher geholfen, sagt ARD-Korrespondent Reinhardt

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Herr Reinhardt, in Kirgisistan herrscht Chaos. Erschwert das die Berichterstattung oder erleichtert es sie vielleicht sogar, weil sie derzeit unzensiert dokumentieren können, was in Bischkek passiert?

Die schnelle Berichterstattung wurde durch die unklare Situation eher erleichtert. Ob das für die Hintergrundberichterstattung dienlich ist, will ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, ob die entscheidenden Leute im Moment wirklich offen sprechen. Aber was die Bewegungsfreiheit angeht, gab es keine Behinderungen, auch nicht während der nächtlichen Ausgangssperre.

Normalerweise wird den Korrespondenten ein Betreuer zur Seite gestellt.

Das war einer der eigenartigen Punkte, dass es diesmal keinen Betreuer von Regierungsseite gab. Normalerweise muss man angeben, was man drehen will, mit wem man sprechen möchte.

Werden westliche Korrespondenten von den Kirgisen eher als Hilfe oder als Bedrohung wahrgenommen.

Das ist sicherlich die zweite Erleichterung. Die Euphorie, die in der Bevölkerung herrscht. Die Menschen sind relativ offen, vor allem, wenn sie hören, dass wir für das deutsche Fernsehen arbeiten. Es gab eine sehr schöne Situation: Als wir eine Schalte nach Hamburg mit einem Videofon machten, haben sich schnell viele Menschen um uns versammelt und uns neugierig, aber nicht ablehnend beobachtet. Die sagten immer: „Du musst aber die Wahrheit sagen, du musst aber die Wahrheit berichten.“ Damit meinen sie natürlich ihre Version der Wahrheit.

Ist das denn sonst anders?

Die sind schon misstrauisch, weil sie es sonst immer mit staatlich gelenkten Medien zu tun gehabt haben. Dort wird halt die Wahrheit und die Meinung verkündet, die gerade der jeweiligen Regierung oder dem jeweils amtierenden Präsidenten genehm ist. Dass dies nicht mit ihrer Wirklichkeit zusammenhängt, haben sie natürlich längst herausbekommen. Vor allem die elektronischen Medien und das Fernsehen sind dort Instrumente der Regierung und des Präsidenten, und da gehören in einer zwanzigminütigen Nachrichtensendung die ersten zehn Minuten eben oft dem Präsidenten.

Die Bilder, die wir jetzt gesehen haben, zeigen Clan-Kämpfe, blutige Ausschreitungen. Die OSZE warnt sogar vor möglichen weiteren Eskalationen. Wie gefährlich war ihre konkrete Arbeit vor Ort?

Solche Prognosen sind sehr schwierig. Keiner weiß, wie sich die Situation entwickeln wird. Im Moment ist es eher ruhig, wie unser Team in Bischkek berichtet, aber das kann sich schnell ändern. Zu meiner konkreten Situation: Als wir am Donnerstag ankamen, zu der genehmigten Demonstration der Opposition am Donnerstag und der anschließenden Auseinandersetzung mit den Akajew-Leuten am zentralen Kundgebungsplatz am Regierungsgebäude, eskalierte die Lage, nachdem sie friedlich begonnen hatte. Die Gefahr für die Berichterstatter bestand vor allem darin, dass man nicht wusste, wohin sich die Ausschreitungen bewegten.

Aber es gab keine Behinderungen von Seiten der Regierung oder den oppositionellen Demonstranten?

Nein, die haben sich um die Journalisten überhaupt nicht gekümmert. Das Einzige, was immer gefährlich ist, war von einem Stein getroffen zu werden. Die zersplitterten Granitplatten hatten natürlich viele Ecken und Spitzen. Aber es gab keine direkten Angriffe, die kannten schon ihren Gegner. Dennoch weiß man nicht so richtig, wie man mit der Gewalt umgehen soll, wenn man erlebt, wie ein Mensch rausgegriffen wird und fünf oder acht Leute auf ihn eintreten. Da ist man als Korrespondent in allen Krisenregionen in einer aussichtslosen Situation.

Und in den Tagen danach? Wie gefährlich war es da, sich durch die Straßen von Bischkek zu bewegen?

Wir sind dann auch nachts unterwegs gewesen, auch in der einen Nacht, in der eine Ausgangssperre verhängt wurde. Wir mussten schließlich zu den Stellen, wo wir unsere Aufnahmen überspielten und unsere Schaltgespräche mit Hamburg führen mussten. Da war die Lage ganz ruhig, zumindest jenseits der Brennpunkte in den großen Einkaufszentren und den großen Hotels, wo Plünderer und marodierende Kleinbanden unterwegs waren. Aber auch da waren Journalisten nicht das Ziel der Aggression. Selbst als wir das aus einiger Entfernung gedreht haben, wurden wir nicht angegriffen. Aber auch das kann sich schnell ändern, solange die Verteilung der Macht noch nicht erfolgt ist. Was wir erlebt haben, waren nur Momentaufnahmen.

Die Lage in Kirgisistan könnte auch für den russischen Präsidenten Putin brisant werden, wenn Russlands Einfluss geschwächt wird. Welche Informationen bekommen sie aus dem Kreml, oder herrscht erneut die Desinformationspolitik wie seinerzeit bei der Geiselnahme in Beslan?

Wir als ausländische Journalisten haben keine Einflussnahme aus Moskau gespürt. Nun weiß ich nicht, wie weit das auch für die beiden staatlichen Sender ORT und RTR gilt. Es scheint jedoch derzeit so, dass bislang noch kein klarer Marschbefehl ausgegeben wurde. Meine Hinweise gründen sich auf die Beobachtung, dass die Berichterstattung in den russischen Medien in den ersten Tagen eher spärlich war. Die beiden russischen Staatssender beliefern genau wie wir die EBU mit ihren Bildern, diesmal bekam die European Broadcasting Union von den Russen ganz wenig. Die EBU war also ganz wild darauf, unsere Bilder zu nehmen. Ich schließe daraus, dass die Russen nicht richtig wussten, wie sie sich verhalten sollten. Auch aus dem Kreml selbst kamen eher verhaltene und vage Informationen, dass man die Entwicklung abwarten werde.

Nicht nur die Russen haben ein vitales Interesse an Kirgisistan, auch die USA sind durch ihre Luftbasis im Lande involviert. Wie verhalten sich die Amerikaner gegenüber den Medien beziehungsweise mit deren Medien?

Amerikanische Medien transportieren oft amerikanische Interessen. Dieses Mal jedoch wurden sie offenbar von der Entwicklung überrascht und waren nicht richtig vertreten.

Wie verlässlich sind denn die Informationen insgesamt, die wir derzeit über die Medien aus Kirgisistan erhalten?

Die Berichterstattung über die aktuellen Ereignisse ist einigermaßen aussagekräftig, wahrheitsgemäß und wahrhaftig. Bei allem, was darüber hinaus geht, Hintergründe und Prognosen, bewegen wir uns auf sehr dünnem Eis. Ich hoffe, dass wir das so gesagt haben und dass dies die Kollegen auch tun.

Sie sind seit Montag wieder in Moskau. Was könnte ein Grund sein, wieder nach Kirgisistan zurückzukehren?

Ich werde dafür werben, dass wir relativ schnell, zum Beispiel im Weltspiegel, eine Kirgisistan-Reportage haben werden. Das ist das Schöne an unserem System. Wir haben Sendeplätze, über Tagesschau und Tagesthemen hinaus, wo wir die offen gebliebenen Fragen behandeln können.

Das Gespräch führte Kurt Sagatz.

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