Medien : „Die Kinder von Golzow“ oder das Finale einer Doku

Alice Bota

Dann war mit allem Schluss, vor einem Jahr. Ein letztes Mal fuhr der Dokumentarfilmer Winfried Junge in die Stadt Golzow im Oderbruch. Junge wollte beenden, was er 44 Jahre zuvor begonnen hatte. Damals, Junge war Mitte zwanzig, begleitete er Erstklässler von Golzow bei ihrem Schulanfang. Da stehen also an ihrem ersten Schultag Petra und Ilona, Christian und Jürgen. Sie posieren für die Fotoalben ihrer Eltern. Und in diesem Augenblick werden sie für fast ein halbes Jahrhundert zu Objekten einer soziologischen Langzeitstudie, einmalig in der Filmgeschichte. Denn Winfried Junge fährt mit seiner Frau Barbara in den folgenden Jahren wieder nach Golzow. Fast 20 Filme entstehen über die Lebensläufe der Kinder von damals. Junge beobachtet Jürgen beim Spielen, wie Petra sich von ihrem Traum, Medizin zu studieren, verabschiedet und Bauingenieurin wird. Dann verliert Junge den Kontakt zu einigen für viele Jahre. Jürgen trifft er an dessen 50. Geburtstag wieder; die beiden Frauen verweigern gänzlich die Zusammenarbeit. Denn auch wenn Junges Film ein beeindruckendes, sehenswertes Dokument der Zeitgeschichte ist – über die Menschen im Oderbruch, das Leben in der DDR und nach der Wende –, seine Fragen sind zuweilen penetrant und unnachgiebig wie die eines strengen Vaters. Mit dem zweiteiligen Film „Und wenn sie nicht gestorben sind ...“ hat Junge seine Lebensaufgabe beendet. Im selben Jahr schloss die Schule von Golzow. Wegen Kindermangel im Oderbruch.

„Und wenn sie nicht gestorben sind...“, RBB, 22 Uhr 45, Teil 2 am 19. Oktober um 22 Uhr 45

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