Medien : Die Kisten aus Montevideo

Gewagt und heikel: Im „Polizeiruf 110“ wird Kommissar Tauber mit der NS-Vergangenheit seines Vaters konfrontiert

Thilo Wydra

Es wird brenzlig für den Münchner Kriminalhauptkommissar Jürgen Tauber (Edgar Selge). Er gerät unter Mordverdacht, und selbst Kollegin Jo Obermaier (Michaela May) weiß nicht mehr, ob sie ihrem Partner noch trauen kann. Eines Tages stehen vor Taubers Wohnung Holzkisten, aus Montevideo. Kisten voller Nazi-Devotionalien, Bilder, eine SS-Uniform. Dinge, die auf die dunkle Nazi-Vergangenheit von Taubers Vater hinweisen, von der er nichts mehr wissen will. Taubers Telefon steht nicht mehr still. Leute sprechen ihn draußen an, der Journalist Schmitt (Nikolaus Payla) ist überall, wo Tauber ist. Auf einmal ist Schmitt mausetot, landete auf den Gleisen, just unter jener Brücke, auf der er in der Nacht Tauber bedrängt hat, wegen eines ominösen Aquarells in einer der Montevideo-Kisten. Alles spricht gegen Tauber.

Der jüngste „Polizeiruf 110“ des Bayerischen Rundfunks, geschrieben von Christian Jeltsch und inszeniert von Bernd Schadewald, läuft unter dem Titel „Vater Unser“. Und unter dem Schatten des Vaters, Taubers Vater, scheint auch alles zu stehen. Tauber, sonst so cool, wird nervös. Ein Mann mit Brüchen. Umso mehr, als Schwester Eva ihm das Vergangene unter die Nase reibt, also für jene steht, die aufarbeiten wollen. Aber Tauber will nicht mehr. Genug aufgearbeitet, ihm reicht’s. Dabei steht ihm seine durch den Vater erlittene Verletztheit auf der Stirn geschrieben. Irgendwann, da zieht Tauber in diesem ambivalenten „Polizeiruf 110“ die SS-Uniform an und stolziert in Begleitung der sprachlosen Kollegin Obermaier, die ihn zum Verhör aufs Präsidium bringen muss, durch die Gegend, grüßt mit Hitlerschem Duktus.

Das ist wunderbar, und es ist gewagt. Wunderbar ist, mit welcher Inbrunst Edgar Selge den Ich-gehemit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Tauber gibt, wie er einem kleinen Jungen gleicht, in Uniform dieses trotzige Spiel spielt. Das hat fast schon lakonischen Charme. In diesem Moment geht es Tauber am Allerwertesten vorbei, was die Leute, von ihm denken. Gewagt ist, dass das so und nicht anders gebracht wird, dass Selge und Regisseur Schadewald zur Primetime einen Kommissar als SS-ler durch München marschieren lassen, dass das Drehbuch von begehrten Nazi-Devotionalien erzählt, und das Ganze klischeehaft mit Ausländerpöbeleien gegen Kommissarin Obermaiers Familie verknüpft. Wunderbar, gewagt, klischeehaft. Ambivalent.

„Polizeiruf 110“, ARD,

20 Uhr 15

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